MPG-Logo.png Jubiläum Abitur 1974 OHNE FLEISS KEIN PREIS          KRAFT IM ARM          LEHRE GIEBT EHRE          GOTT DIE EHRE          DEORSUM NUMQUAM          DIC CUR HIC          NON MIHI SED PATRIAE          PRINCIPIIS OBSTA          ODI PROFANUM VULGUS          NON SCHOLAE SED VITAE          NE QUID NIMIS          SAPERE AUDE

Jürgen Regel

  1. Herr Direktor Doktor Block und das Primanerseminar
  2. Herr Boestfleisch (Geschichte)
  3. Herr Brock und Frau Knauer (Musik)
  4. Herr Gerken (Physik, Mathematik)
  5. Herr Gidion (Englisch)
  6. Herr Goldbach (Latein) und Fahrt nach Rom
  7. Herr Hennig (Deutsch, Gemeinschaftskunde)
  8. Herr Jaehne (Religion)
  9. Mademoiselle Jacquot (Französisch)
  10. Herr Kreer (Physik)
  11. Frau Lohse-Flitner (Deutsch)
  12. Herr Scheibe (Mathematik)
  13. Herr Schwarz (Altgriechisch)
  14. Herr Tamm (Altgriechisch)
  15. Herr Tegethoff (Sport)
  16. Herr Trittel (Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde)
    1. Berlinfahrt
  17. Herr v. Wedemeyer (Latein, Geschichte, Gemeinschaftskunde)
  18. Tanzstunde
  19. Der Nutzen der Schulfächer
    1. Sport
    2. Geschichte
    3. Latein und Altgriechisch
    4. Englisch
    5. Mathematik
    6. Informatik
    7. Chemie
    8. Biologie
  20. Beruf und Familie
  21. Schulgebäude

Herman Hupfeld (Komponist),

Jan Hauenstein (Gesang),

Jürgen Regel (Klavier):

As time goes by

Fats Waller, Harry Brooks (Komponisten),

Jürgen Regel (Klavier):

Ain’t Misbehavin’

Antônio Carlos Jobim (Komponist),

Jürgen Regel (Klavier):

Fats Waller, Harry Brooks (Komponisten),

Jürgen Regel (PSR-e473 Keyboard, Piano und Strings):

Ain’t Misbehavin’

Antônio Carlos Jobim (Komponist),

Jürgen Regel (Klavier):

Garôta de Ipanema

Herr Direktor Doktor Block und das Primanerseminar

Bilder/1973-05 Herr Direktor Doktor Block gibt der 6a Eis aus.jpg

Ich sprach ihn auf dem Flur einmal mit Herr Block an. Dafür gab es gleich einen Anschiss: Für Sie bitte immer noch ‚Herr Direktor Block‛ oder ‚Herr Dr. Block‛! (Ich war nicht der einzige, dem das passiert ist.) Von da an sagte ich nur noch Herr Direktor Doktor Block zu ihm, was auch in den Schülerratsprotokollen dokumentiert ist.

Dank guter Beziehungen zum konservativen Akademischen Forum der Humboldt-Gesellschaft für Wissenschaft, Kunst und Bildung organisierte Herr Direktor Doktor Block ein Seminar für von ihm ausgewählte Primaner (warum ich dabei war, weiß ich nicht), das am 22. und 23. Juni 1973 im Hotel Andreesberg in Hannoversch-Münden stattfand. Der ORR a. D. und Rechtsanwalt Hans-Günter Heym referierte zum Thema Rhetorik.

Das Seminar begann schon um 9:15 Uhr. Um 6:29 fuhren Hannelore und ich mit dem von einer 44-er Güterzug-Dampflok gezogenen Zug über Dransfeld nach Hann.-Münden. Weil diese Bahnstrecke bald darauf eingestellt werden sollte, wollten wir uns das nicht entgehen lassen.

Ich habe dort viel gelernt. Im Mittelpunkt standen Techniken der Argumentation, sowohl faire 1 als auch unfaire. 2 Jeder hielt eine Argumentationsrede; Schlagfertigkeit wurde eingeübt.

Herr Boestfleisch (Geschichte)

Bilder/RegelUweSommer.jpg

Am Anfang des Geschichtsunterrichts mit Herrn Boestfleisch war die Vorgeschichte das Thema: Er ließ Uwe Sommer nach vorne kommen, drückte seinen Kopf etwas nach vorne unten und erklärte: So sah der Neanderthaler aus. Eine pädagogische Meisterleistung; ich weiß heute noch, wie er aussieht. Wurde hier etwa jemand diskriminiert? Wenn ja, wer?

Mir ist Uwe (Bulu) noch unangenehm in Erinnerung, weil er meine Schultasche auf das Vordach des Chemie-Pavillons warf, um mich zu ärgern. Die Sache wurde dadurch schlimm, dass sich darauf eine Pfütze befand…

Herr Brock und Frau Knauer (Musik)

Euch allen ist wohl nicht klar, wie fortschrittlich das MPG war. Ich hatte zuvor das Kaiser-Karl-Gymnasium in Itzehoe (in der tiefsten Provinz Schleswig-Holsteins) besucht. Dort ging es wie in der Feuerzangenbohle zu. Wir saßen in Zweierbänken mit einem nicht mehr benutzten Tintenfass in der Mitte. Die Klassen wurden noch lateinisch bezeichnet: Sexta, Quinta, Quarta … . Der Klassensprecher stand an der Tür und meldete den kommenden Lehrer; Lehrerinnen gab es nicht. Guten Morgen, Quinta G! Wir standen zackig auf und antworteten im Chor: Guten Morgen, Herr xxx. Setzen! Wenn man sich gemeldet hatte und etwas sagen durfte, stand man auf und trat aus der Bank; dann setzte man sich wieder.

Im Jahrgang gab es nur ein einziges Mädchen, und das nur im geschichtlichen (altsprachlichen) Zweig. Das Mädchengymnasium bot nämlich kein Latein als erste Fremdsprache an. Die Koedukation beschränkte sich ansonsten auf das gemeinsame jährliche Schulfest mit Ball.

Der Lateinzweig hatte noch einen weiteren Vorteil: ihn besuchten nur 26 Schüler, den neusprachlichen und naturwissenschaftlichen Zweig hingegen je über 42 bzw. 44. Anders als am MPG übersetzten wir auch vom Deutschen ins Lateinische. Um das zu erleichtern, beschränkte sich die Grammatik zunächst auf die a- und o-Deklination und die a-Konjugation. Im Rückblick glaube ich, dass das nicht verkehrt war.

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In der Aula übte der hochgeehrte alte Musikdirektor Paulsen (darum der Spitzname Paula) mit dem schuleigenen Knabenchor vaterländische Gesänge ein: Wildgänse rauschen durch die Nacht, Wir Landknechte sind ja zum Sterben geborn.

Am MPG bei Frau Knauer ging es friedlicher zu: Ihr kleinen Vögelein, ihr Waldergötzerlein, stimmt mit mir überein: Ich will den Herren preisen, mit meinen Liebesweisen, ich will von Herzensgrund ihm auftun meinen Mund! Um das von Herzen tun zu können, übten wir gefühlt endlos pfaupfu pfaupfu pfaupfu pfaupfu … und nonnenenne nonnenenne nonnenenne ….

Musiklehrer Brock war ebenso kauzig, wenn auch auf eine ganz andere Art. Die Jazzplatten mit Louis Armstrong waren miserabel aufgenommen und wurden zerkratzt und staubig abgespielt; ich lernte daraus, dass es auf die technische Qualität nicht so sehr ankommt.

Wenn Brock fragte: Habt ihr das wirklich gehört? Hört doch mal genau zu!, erinnerte er mich an Sokrates, der nichts Handfestes zu Papyrus gebracht und allgemeine Verunsicherung und Ratlosigkeit hinterlassen hatte; ich lernte, dass man seine Vorurteile hinterfragen soll.

Brock spielte uns aus einer Schallplatte mit dem irreführenden Titel Plüsch und Pomp Werke von Erik Satie vor, einem zu Lebzeiten wenig geachteten Exzentriker, der dem Alkohol zum Opfer gefallen war. Das ist nicht Plüsch und Pomp, sondern das genaue Gegenteil, sagte er und hatte Recht. Auch die Interpretation des Stücks als eine Art Wellness-Musik schien mit nicht zur Vortragsanweisung douloureux (schmerzerfüllt) zu passen; denn Satie hatte dabei kaum an Rheuma gedacht. Ich nahm mir vor, das Stück anders zu spielen. Nach 50 Jahren setzte ich den Entschluss um.

Unfreiwillig spielte er in der höchsten Liga der Kleinkunst. Seine Loewe-Interpretationen (Archibald Douglas: Ich hab es getragen sieben Jahr, Zu Ross, wir reiten nach Linlithgow, Prinz Eugen, und unübertroffen: Der Nöck: Komm wieder Nöck, du singst so schön waren durchaus vergleichbar mit Karl Valentin's Lied vom Sonntag ; statt Tu den Hund 'naus rief er Kinder, seid doch mal still, ich kann mich nicht konzentrieren. Davon beeindruckt übte ich einige der Lieder selbst auf dem Klavier ein, allerdings ohne zu singen: Prinz Eugen Der Wirtin Töchterlein

Um die Langeweile zu bekämpfen, konstruierte ich für die drei auffälligen Warzen in seinem Gesicht in Gedanken die Mittelpunkte des In- und Umkreises und bewies, weil das Dreieck rechtwinklig war, den Pythagoras. Dabei fixierte ich sein Gesicht, so dass er mich für einen aufmerksamen Schüler halten musste.

Mit Joachim Schwahn stimme ich überein, dass Brock unterschätzt wurde. Auf der Meta-Ebene seines Paradestücks, des Nöcks von Loewe, also im Unterricht, befand sich Brock in derselben Situation wie der Protagonist: von den Knaben während des Gesanges verspottet und nicht ernst genommen. Vielleicht gab es ähnliche Übereinstimmungen auch bei anderen Musikstücken, die er durchnahm. Auffallend häufig ging es um unerwiderte Liebe und Suizidphantasien. Zur Arie Sie hat mich nie geliebt aus Verdis Don Carlos sagte er: Ich wünsche Ihnen, dass Ihnen eine solche Enttäuschung im Leben erspart bleibt. Den Text des Kinderliedes Horch, was kommt von draußen 'rein interpretierte er so, dass die Hauptperson, nachdem ihre große Liebe jemanden anderen geheiratet hat, Selbstmord begeht und deshalb nicht christlich begraben wird (Setzt mir keinen Leichenstein). Im Schubert-Lied Am Brunnen vor dem Tore erwägt der Wanderer, ob er sich am Lindenbaum aufhängen soll.

Herr Gerken (Physik, Mathematik)

Wir begannen mit geometrischer Optik und erzeugten mit einer Lochblende Bilder. Martin Lohse fragte ihn, ob man auch mit einem Spiegel solche Bilder erzeugen könne. Nein, das geht nicht. Martin hakte nach: Auch nicht, wenn der Spiegel sehr klein ist? Nein. Mir war sofort klar, dass Martin Recht hatte. Einen Moment wollte ich ihm zu Hilfe kommen, tat es aber nicht. Martin wusste es, ich wusste es, Gerken kapierte es nicht. Roma locuta, causa finita. Ein schönes Gefühl, sich klüger zu fühlen als der Lehrer.

Einmal berichteten wir Herrn Gerken, dass Herr Trittel etwas physikalisch völlig Unsinniges gesagt hatte. Gerken: Natürlich ist das verkehrt. Aber Herr Trittel hat schon sein Abitur.

Herr Gidion (Englisch)

4 Einmal hatte Otta in einer Arbeit nur eine 2+, weil sie einen Fehler aus dem Lehrbuch übernommen hatte. Sie beschwerte sich zu Recht und jammerte solange, bis Gidion die Arbeit auf 1 hochstufte. In der Klasse kam das gar nicht gut an. Hätte jemand eine 5+ gehabt, die zu einer 4 geworden wäre, hätte sich niemand entrüstet, so aber galt Gidion als ungerecht und Otta als Streberin, zumal sie die 1 auf dem Zeugnis ohnehin bekommen hätte. 5

Gidion war ein angenehmer Lehrer, der motivieren konnte. Seinen Nachfolger Breitkreuz ( of course of course , first looser, second looser, third looser ) fand ich schrecklich.

Herr Goldbach (Latein) und Fahrt nach Rom

Claus Goldbach: Predigt über Theologie, Philosophie, Kunst und den Sinn des Lebens

Heimlich aufgenommen Anfang 1974. Nach über 8 Minuten erlöst uns Uwe Sommer, indem er zum neuen Thema Zugverbindungen nach Rom wechselt.

Bilder/1974 Augustusmausoleum in Rom.jpg Bilder/Maria_dei_Sette_Dolori.JPG

Am 20. März 1974 um 19:01 Uhr bestiegen wir den Nachtzug mit Liegewagen nach Rom. Eigentlich hätte uns Herr Tamm als Klassenlehrer begleiten sollen. Der aber wollte nicht, warum auch immer. So begleiteten uns Herr Goldbach, der als Lateinlehrer eine Affinität zu Rom hatte, mit Gattin und unsere Französischlehrerin Marjolaine Jacquot , die auch Italienisch sprach und die Rolle der Anstandsdame übernahm.

Goldbach, von seinem Unterrichtsfach Latein überzeugt, sprach mit lauter, geradezu predigerhafter Stimme.

Mit Taxis wollten wir am letzten Tage von der Chiesa di Santa Maria dei Sette Dolori zum Bahnhof Termini fahren, um dort den Nachtzug nach Göttingen zu nehmen. Sie trudelten einzeln ein, mit immer längeren Pausen dazwischen. Die Zeit lief uns davon; Panik machte sich breit. Goldbach aber behielt die Ruhe. Ins letzte Taxi stiegen er, seine Frau, Otta und ich. Während der Fahrt versuchte er sich mit dem Fahrer zu unterhalten, auf Latein natürlich, und führte uns damit dessen Nützlichkeit als Weltsprache vor Ohren.

Mit Müh und Not erreichten wir den Zug, der glücklicherweise nicht ganz pünktlich abfuhr.

Herr Hennig (Deutsch, Gemeinschaftskunde)

Henning Hennig genannt Gammel: Verkündigung der Zensuren der Deutscharbeit

Heimlich aufgenommen vermutlich Anfang 1973

Ein Vater wollte ihn am Elternsprechtag aufsuchen, weil sein Sohn im Fach Deutsch Probleme hatte. Er fragte einen Schüler, der die Eltern zu den Lehrern lotsen sollte, wie er zu Herrn Gammel gelangen könne. Zu Herrn Gammel? Zu Herrn Gammel wollen Sie … Herrn Gammel finden Sie im letzten Raum ganz links. Sonst fragen Sie bitte dort noch mal nach Herrn Gammel. Er traf ihn auch dort an und begrüßte ihn mit dessen Aliasnamen. Die Sache war umso peinlicher, als der Vater selbst Studiendirektor an einer anderen Göttinger Schule war.

Am 21. Juni 73 kam Hennig nicht pünktlich zum Unterricht. Joachim Vogt und ich gingen in die Bücherei, um Schach zu spielen. Dort erwischte er uns. Ich schimpfte ihn aus, weil er zu spät zum Unterricht gekommen sei.

Von dem von vielen so verachteten Herrn Hennig (ebenso wie von Herrn Brock) hielt ich mehr als die meisten anderen. Wer war das mit den Sprachspielen? W… W… W… Die Klasse im Chor: Wittgenstein! . Meine Deutschnote, die nach dem Wechsel zum MPG und dem damit verbundenen Kulturschock bei Frau Lohse-Flitner ― das Stuttgarter Hutzelmännlein war nicht mein Fall ― übergangslos von 2 auf 4 abgesackt war und sich bei Herrn Trittel dort einpendelte, erreichte bei Gammel wieder die 2, was Herrn Trittel so ärgerte, dass er mich im Treppenhaus darauf ansprach.

Als wir im Biologieunterricht die Vererbung durchnahmen, schien uns Lamarcks Theorie der Vererbung erworbener Eigenschaften schon dadurch widerlegt, dass keines von Gammels Kindern mit Holzbein auf die Welt gekommen war (gemein, ich weiß…).

Hennig liebte nichts mehr als Bücher. Durch meine Mitarbeit in der Schülerbücherei stand ich in seiner Gunst weit oben. Literaturauswahl war das Allerwichtigste.

Als ich ein Referatthema gestellt bekam, wollte ich mit Literatur punkten, die er nicht selbst vorgeschlagen hatte. In meiner Not fiel mir ein, dass es im Friedrich-Nansen-Haus eine kleine, aber feine Bibliothek gab. Dort war nicht so viel Trubel wie in der Stadtbücherei. Schüchtern wandte ich mich an die Bibliothekarin, eine Dame mittleren Alters: Ich muss ein Referat über die Psychologie der Macht halten. Können Sie mir bitte bei der Literaturauswahl helfen? Ich bin ihr dankbar dafür, dass sie mir bereitwillig half und einen ganzen Haufen ausgemusterter Bücher schenkte. Später unterstütze sie mich bei der Auswahl für meine Abitur-Autoren Sartre und Becket.

Meine Schwäche in Deutsch führte ich darauf zurück, dass ich zu wenig Selbstvertrauen hatte und meine Gedanken schon verwarf, bevor ich sie zu Papier gebracht hatte. Zu Hennig hatte ich ein besseres Verhältnis als zu seinen Vorgängern. Ich nahm mir vor, in den Deutschaufsätzen mehr drauf los zu schreiben, selbst wenn ich das Thema nicht genau traf. Das zahlte sich aus.

Herr Jaehne (Religion)

Einmal versprach er uns, in der nächsten Stunde den Psalm 23 auf Hebräisch vorzutragen. Tatsächlich tat er das zu unserer großen Bewunderung:

א מִזְמוֹר לְדָוִד: יְהוָה רֹעִי, לֹא אֶחְסָר.

Neben den alten Sprachen beherschte er auch Russisch (er stammte aus Bunzlau in Schlesien) und bereiste die Sowjetunion. Doch stand er dem Regime kritisch gegenüber und machte gerne Witze über Russen und den Sozialismus. Zur Hochform lief er auf, wenn er Professor Quatschnie von den Insulanern nachmachte https://www.youtube.com/watch?v=qmo9l0Y4iZc

Bilder/1971 Steno Bezirksjugendtreffen.jpg

Als Rainer Stockmann einem Judoclub beitrat, waren Joachim Vogt und ich uns einig, dass wir dem etwas entgegen setzen mussten. Zufälligerweise machte mich Herr Jaehne, der auch ein begeisterter Stenograph war, auf den VfB Göttigen aufmerksam (nicht Verein für Ballspiele, sondern Bürowirtschaft). Dort könne ich Steno und Maschine lernen. Er stellte den Kontakt zu Horst Fisch, dessen Präsidenten, her. Der wollte mich gern aufnehmen, suchte er doch nach Schülern, die mit Fremdwörtern gut zurechtkamen. Auch Joachim war einverstanden.

So fanden wir uns, zwei 15-jährige Jungen, in einer Klasse junger Damen wieder, die davon träumten, Chefsekretärin zu werden, und die von Fischs Assistentin, Roswitha Kaese, geleitet wurde. Das machte jedenfalls mehr Spaß als Latein und Griechisch.

Die Beispielsätze in Kurzschrift, die wir lustig fanden, dienten auch dem Einüben der Kommaregeln, auf die Herr Fisch größten Wert legte, zum Beispiel folgender: Ein voranstehender bekleideter Infinitiv mit zu, welcher das Subjekt vertritt, wird nicht durch Komma abgetrennt. Das Beispiel dazu lautete: Sich selbst zu besiegen ist der schönste Sieg. (Ein voranstehender Nebensatz, welcher das Subjekt vertritt, wird natürlich trotzdem durch Komma abgetrennt, Beispielsatz: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. ) Uns wurde auch ein Teil der Rede, die Theodor Heuss im Deutschen Reichstag zur Einführung der Einheitskurzschrift gehalten hatte, diktiert.

Ich lernte Kurzschrift und Maschine 6 und kann es heute besser als damals.

Am 19. Oktober 1974 diente ich in der Zietenkaserne. Der UvD 7 rief plötzlich nach mir. Zu meiner großen Überraschung hatte sich Jaehne die Telefonnummer der Kaserne besorgt und mich angerufen, um mir zum Geburtstag zu gratulieren.

Mademoiselle Jacquot (Französisch)

Bilder/Marjolaine Jacquot in Rom fotografiert von Rainer.jpg

Auf der letzten Klassenfahrt nach Rom besuchten wir auch den Petersdom. Das Problem war nur, dass Marjolaine in ihrem Minirock von den Security-Priestern nicht hineingelassen wurde. Sie legte also ihre Jacke um die Hüfte, verknotete vorne die Ärmel und legte den Minirock 30 cm tiefer. Ich durfte die Konstruktion halten, eine ebenso verantwortungsvolle wie anstrengende Aufgabe, schließlich ging es durch den halben Vatikan, bis in die Kuppel und wieder zurück. Dafür qualifiziert hatte ich mich, indem ich mit ihr ein paar Stunden durch Rom gebummelt war, was noch Ärger gab, weil wir uns nicht von der Gruppe abgemeldet hatten.

Als ich bei ihr eine Tätowierung erblickte — ein Schweinchen oder Igelchen — fragte ich sie, ob sie noch welche auf anderen Körperstellen habe. Sie lächelte: Jürgen, du bist fresch!

Einmal erwischte sie Joachim V., wie er von mir abschrieb. Das schlug sich in der Note wieder: 5 - 1 = 6 stand unter der Arbeit. Mathematisch sehr fragwürdig.

Am meisten gelernt habe ich aus den kleinen auswendig gelernten Sketchen aus dem Lehrbuch, die Otta und ich vortrugen, wie zum Beispiel L'égoïste.

Als ich mich entschied, Französisch nicht ins Abitur aufzunehmen, nannte mich Hannelore einen Feigling; doch es war nur kalte Berechnung: Die zu minimierende Funktion war die für den NC zählende Durchschnittsnote. Jedes Fach mit einer Note > 1 war abzuwählen, weil es sie vergrößern würde. Die Logik war richtig, die Zielfunktion aber erwies sich als irrelevant.

Herr Kreer (Physik)

Er kümmerte sich wenig um das, was wir im Fach Mathematik gelernt hatten, und ging pragmatisch vor. Gedämpfte Schwingungen berechneten wir mit Hilfe komplexer Differentialgleichungen. Natürlich kannten wir die noch nicht, aber wir kamen trotzdem damit zurecht; vor allem kamen wir schnell weiter. Dafür bin ich ihm dankbar.

Einmal sprach ich ihn an, weil ich ein Referat über den Laser halten wollte. Schön, aber wir haben keinen Laser. Kreer wollte Versuche und gab sich nicht mit einer rein literarischen Lösung zufrieden. Den Laser musste ich also selbst auftreiben. An der Arnoldischule wurde ich fündig. Dort wies mich ein junger Physiklehrer, Quereinsteiger wie Kreer, in dessen Bedienung ein. Zusammen mit meinem Vater brachte ich das kostbare Gerät zum MPG, um mit Kreer den Versuchsaufbau zu proben. Er hatte sein Töchterchen mitgebracht. Mein Vater ging auf es zu: Na, wo hast du denn deine Mutti gelassen? Er wusste nicht, dass Kreers Frau bald nach der Geburt gestorben war.8 Zwischen den Apparaten in der Physiksammlung stand eine Flasche Korn.

Frau Lohse-Flitner (Deutsch)

Neben dem Stuttgarter Hutzelmännchen , zu dem die Mütter aufgefordert waren, Hutzelbrot zu backen, lasen wir von Johann Peter Hebel das Schatz-Kästlein des rheinischen Hausfreundes. In der Klassenarbeit schrieb ich den Namen des Dichters mit zwei B: Hebbel. Frau Lohse kommentierte mit roter Farbe: Stand das nicht oft genug an der Tafel? Es gibt auch einen Dichter Hebbel!

Auswendig zu lernen war ein wichtiges Unterrichtsziel, nicht nur lange Gedichte, sondern auch eine Geschichte aus dem Hausfreund . Die waren von sehr unterschiedlicher Länge. Wer faul war, lernte die kürzeste:

Ein Büblein klagte seiner Mutter: Der Vater hat mit eine Ohrfeige gegeben! Der Vater aber kam dazu und sagte: Lügst du wieder? Willst du noch eine?

Wer sich dann noch beim Vortragen verhaspelte, hatte die Sechs sicher. Um den Ärger zu minimieren, lernte man also eine Geschichte mittlerer Länge auswendig. Um so erstaunter waren wir, als Renate Gritzmann, die sonst im Fach Deutsch nicht besonders hervorgetreten war, die längste Geschichte vortrug, die über mehrere Seiten ging. Als sie geendet hatte, applaudierten wir.

Herr Scheibe (Mathematik)

Wir hatten unseren Klassenraum noch im Hauptgebäude, als am ersten Schultage nach den Sommerferien auf der Tafel stand: MATHEMATIK BEI HERRN SCHEIBE Es dauerte nicht lange, da hatte das zweite B eine verdächtige Unterlänge, obwohl das versale SZ noch nicht erfunden war.

Er nahm alles sehr genau und war ein Pflichtmensch. Nicht nur, dass der ein überkorrektes Deutsch sprach (siehe Ottas Bemerkung dazu ); auch in den Matheaufgaben und Klassenarbeiten legte er großen Wert auf die äußere Form. So mussten z. B. X- und Y-Achse immer in einem Pfeil enden.

Ich nahm das leider nicht so wichtig. Als meine Mathe-Klassenarbeiten zur Bewertung des Abiturs eingereicht werden sollten, bot mir Joachim Vogt freundlicherweise an, sie zu verschönern. Er ergänzte in den Diagrammen die Pfeile und zeichnete einige Kurven ordentlicher.

Scheibes Arbeitsethik war vorbildlich. Während einer Klassenarbeit im Kunstsaal führte er Aufsicht, obwohl es ihm schlecht ging.

Herr Schwarz (Altgriechisch)

Angenehm war das sich über Wochen hinstreckende Stammformenraten bei Blacky im Fach Griechisch. Statt stumpfsinnig auswendig zu lernen, versuchte man kreativ Muster zu erkennen. Während ich es für möglich hielt, dass Latein für etwas nützlich sei, zweifelte ich am Sinn des Faches Altgriechisch. Selbst Augustinus hasste als Schüler die griechische Sprache, aber er konnte sie später wenigstens gut gebrauchen. Ich suchte nach der unnützesten Vokabel; folgende zwei erreichten die Endauswahl:

πεντακοσιομέδιμνος = einer, der 50 Scheffel mindestens erntet

καταβροχθισθησόμενος = ein verschlungen werden werdender (Partizip Futur Passiv) / einer, der verschlungen werden soll / um verschlungen zu werden/ ein zu verschlingender

Was sein Unterrichtsfach Altgriechisch angeht, war Schwarz nicht so verbohrt wie andere Lehrer; vermutlich weil er selbst nicht von dessen Sinn völlig überzeugt war.

Viele Jahre später lief er mir in Hildesheim zufällig über den Weg, weil er Bekannte besuchen wollte. Ich sprach ihn an; er erinnerte sich zwar nicht mehr an mich, doch wir führten ein nettes Gespräch. Am Schluss sagte er nach kurzer Pause: Sie sind ein ein glücklicher Mensch! Zu jener Zeit hatte er damit wohl Recht; mich wunderte aber, dass er das aussprach.

Herr Tamm (Altgriechisch)

Im Jahre 1971 hatte ich Gelegenheit, mit einer Schulklasse der Arnoldischule zur Autoausstellung nach Frankfurt zu fahren. Ich entschied mich, meinen Klassenlehrer Herrn Tamm um Befreiung vom Schulunterricht zu bitten, was mir ein wenig peinlich war. Er meinte zwar, das möchte wohl kein kulturell hochstehendes Ereignis sein; angesichts meiner guten schulischen Leistungen stellte er aber in Aussicht, dass der Antrag genehmigt werden dürfte.

So fuhr ich denn auch zur IAA nach Frankfurt. Überraschend begegnete mir dort Burkhard Klein, der einfach die Schule geschwänzt hatte.

Als er mir als Klassenlehrer ausnahmsweise einmal eine Bundesjugendspiele-Urkunde überreichte, war ich von der Steifigkeit des Papiers so angetan, dass ich daraus gleich ein Flugzeug faltete. Er war darüber nicht amüsiert.

Herr Tegethoff (Sport)

Uwe Sommer war der einzige, der schaffte, sich im Fach Sport bei Herrn Tegethoff eine Strafarbeit einzufangen, weil er mit Steinen geworfen hatte. Die las er in der nächsten Stunde vor; es ging darum um den geworfen habenden Schüler.

Einmal mussten wir im Sportunterricht idiotischerweise im Schlusssprung über die Reckstange hüpfen. Leider blieb Stephan Schlange-Schöningen mit einem Fuß hängen , fiel nach vorn und brach sich doppelt den Unterarm, so dass sogar der Knochen sichtbar wurde. Der Sportunterricht wurde abgebrochen.

Herr Trittel (Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde)

Berlinfahrt

Bilder/1972-03-04WühlmäuseBerlin.jpg Bilder/1972-03-09Rücktauschbescheinigung.jpg Bilder/1972EintrittDDR.jpg
1972-03-03

Um 8:36 Uhr (damals war die Bahn noch pünktlich) fuhren wir im Kurswagen nach Berlin. Im Jugendgästehaus in der Kluckstraße wurden wir untergebracht. Noch am selben Abend bummelten wir zusammen mit Trittel durch die Stadt. Wir gerieten in eine Demonstration. Trittel, ganz der progressive Linke, ärgerte sich über die Polizisten, die ihn kontrollierten. In einer Kneipe spielten wir Billard.

1972-03-04

Am nächsten Tage unternahmen wir eine große Stadtrundfahrt, sahen die Kunsthalle, die Philharmonie, das Brandenburger Tor, das sowjetische Ehrenmal, den Reichstag, den Kudamm, das Olympia-Stadion, das Schöneberger Rathaus, Kreuzberg und die Berliner Mauer, das Europacenter und Berlins Zoo. Am Abend wandten sich Schüler einer abreisenden Gruppe an Joachim Schwahn, Rainer Stockmann und mich. Sie hatten noch Karten für das Kabarett Die Wühlmäuse , die sie nicht mehr gebrauchen konnten. Wir kauften sie ihnen für 5 DM statt 8 DM ab und zogen auf eigene Faust los. Auf dem Heimweg besuchten wir eine Kneipe und tranken Bier (1,60 DM).

1972-03-05

Am Vormittag besuchten wir das Rundfunkmuseum und den Funkturm, am Nachmittag das märkische Viertel, am Abend das Planetarium und die Sternwarte. Weil der Himmel bedeckt war, zeigte man uns nur den Mercedes-Stern auf dem Europacenter.

1972-03-06

Wir nahmen an der Info-Veranstaltung Berlin — eine sterbende Stadt? teil. Am Nachmittag besuchten wir die Nationalgalerie. Abends spielten wir in einer Kneipe Billard.

1972-03-07

Mit der S-Bahn zum Wannsee; Spaziergang. Völkerkundemuseum.

1972-03-08

Stadtrundfahrt durch Ostberlin. Am Nachmittag Ägyptisches Museum und Amerkahaus.

1972-03-09
Bilder/1972-03-09 Eintrittskarte Berliner Ensemble.jpg

Vortrag Gesellschaftspolitik der DDR . Am Nachmittag in den Osten zur Friedrichstraße. Abends Dreigroschenoper im Theater am Schiffbauerdamm.

1972-03-10
Bilder/1972-03-10 Eintrittskarte Schloss Charlottenburg.jpg

Schloss Charlottenburg (mit Trittel, Otta, Joachim Schwahn) Am Nachmittag Diskussion mit drei Abgeordneten des Berliner Abgeordnetenhauses. Am Abend Billardspiel in der Kneipe Quartier Latin

Herr v. Wedemeyer (Latein, Geschichte, Gemeinschaftskunde)

Er motivierte. Die rechte Faust wiederholend in die linke Handfläche schlagend, stürmte er während des Lateinunterrichts durch die Klasse: Jetzt kommen die Denker!

Um so erstaunter war ich, als er meine Zweifel an der Sinnhaftigkeit des altsprachlichen Unterrichts dadurch nährte, dass er einmal verkündete, er halte den nicht mehr für zeitgemäß und werde seine Kinder nicht dorthin schicken.viert

V. W. erklärte uns die Begriffe Okzident und Orient: occidere = niederfallen, untergehen, Okzident = wo die Sonne untergeht. oriri = sich erheben, aufgehen, Orient = wo die Sonne aufgeht. Am Schluss fragte er: Wo liegt von Rom ausgesehen also der Orient?

Die Antwort lag auf der Hand: Im Osten. Ich aber witterte eine Falle. Auf der Landkarte in meiner Konfirmationsbibel stand Der alte Orient , gemeint war Ägypten und Israel. Und das lateinische Wort australis bedeutet anders als die etymologisch verwandten Wörter in anderen Sprachen (ost, east, ...) südlich , vermutlich weil in Italien die östlichen Landesteile auch die südlichen sind. Ich meldete mich und sagte: Im Südosten.

Mit Verachtung antwortete er: Im Osten!

Es ärgerte mich ungemein, dass ich das verpatzt hatte. Zwar fühlte mich als ein von ihm beschworener Denker, hatte aber zu kompliziert gedacht und war zu argwöhnisch gewesen. Ich hätte wissen können, dass Lehrer lieber das Einfache, Selbstverständliche, was man sowieso schon weiß, erklären.

Tanzstunde

Joseíto Fernández (Komponist),

Jürgen Regel (PSR-e473 Keyboard):

Guantanamera

Bilder/1972 Kursuskarte Frobenius.jpg

Einmal meinte Rainer Stockmann zu mir, die Mädchen in unserer Klasse nähmen uns nicht für voll. Da wollte ich ihm nicht widersprechen. 9 Keine Freundin zu haben wurde kompensiert, indem wir mit einem Kartenspiel aus Pin-Up-Girls um Fotos nackter Frauen pokerten.

Bilder/1972-09-20 Jungenmangel bei Frobenius.jpg

Ende 1971 verteilte Klaus Heidelberg Anmeldekarten für das Tanzinstitut Frobenius, siehe Klaus Heidelbergs Erinnerungen Nachdem uns die wichtigsten Verhaltensregeln beigebracht worden waren, wurden wir am 8. Februar 1972 auf die Mädchen losgelassen. Die Situation hatte sich grundlegend zum Besseren gewandelt. Die kleinen Tanzpartnerinnen blickten nicht auf uns herab, im Gegenteil. Weil es an Jungen mangelte, bekniete mich Frau Frobenius geradezu, auszuhelfen, was ich mehrfach auch tat, insbesondere bei Bällen (siehe Postkarte). Das war kostenlos; sogar der Blumenstrauß für den Abschlussball ging auf Kosten des Tanzinstituts.

In der Halbzeitpause der Tanzstunde war es üblich, der letzten Tanzpartnerin eine Cola zu spendieren. Nach dem Ende brachten Bulu (Uwe Sommer) und ich erst die Mädchen zur Bushaltestelle hinter dem Rathaus; dann gingen wir zu einer Spielhalle neben der Nikolaikirche, um zu flippern. Nachdem ich mich mit Rainer gestritten hatte, wer ein bestimmtes Mädchen zum Bus bringen durfte, sagte er nach der nächsten Tanzstunde gönnerhaft: Die kannst du jetzt haben. Ich wollte sie aber gar nicht haben, weil ich mit ihr auch nicht viel anfangen konnte, und bemühte mich auch nicht um seine neue Freundin, wozu mich Uwe anstiften wollte, sondern interessierte mich nur für Hans-Detlefs kleine Schwester Irmela und für meine Nachhilfeschülerin im Fach Mathematik, mit der ich einen Tanzkurs für Fortgeschrittene besuchte.

Mit meiner Frau übe ich den Tanzsport immer noch regelmäßig aus.

Der Nutzen der Schulfächer

Sport

Bilder/2006 Geißlerspitzen.jpg

Sport war nicht mein Fach. Um darin besser zu werden, trainierte ich zusammen mit Joachim Vogt im Hainberg Sprint und Dauerlauf. Im Sommer 1971 fuhr ich mit meinen Eltern ins Villnösstal nach Südtirol. Ich wollte den höchsten Berg dieser Gegend, den Sass Rigais, besteigen, traute mich aber nicht allein hinauf. Im Ort gab es eine Familie, deren Söhne sich als Bergführer verdangen. Sie wohnten über einer Metzgerei am Rande des Dorfes. Es stank dort nach Fleischabfällen; unzählige Fliegen schwirrten in der Luft. Werner, der jüngste Sohn, sollte mich auf den Berg führen. Er war über ein Jahr jünger und einen Kopf kleiner.

Werner wollte es mir Flachländer zeigen. Und er wollte an dem Tage der erste auf dem Gipfel sein. Da ich gut trainiert war, fiel es mir zwar leicht, mit ihm zusammen den Berg hinaufzurennen, um die Gruppen zu überholen, die vor uns aufgebrochen waren; in der Felswand aber kletterte er wie ein Affe. Ich konnte nicht so schnell folgen, erlag aber nicht der Versuchung zu hasten, sondern nahm mir vor, zu jeder Zeit an drei Punkten festen Halt zu haben.

Als ich mich mit der rechten Hand vortasten wollte, rutschte erst der rechte Fuß und gleich danach der linke ab ab. Ich hing nur noch mit der linken Hand an einem dort gespannten Drahtseil über dem Abgrund. Meine Prinzipienreiterei hatte sich ausgezahlt. Werner lobte das: Bergsteigen sei schon gefährlich. Sein älterer Bruder war ein Jahr zuvor am Nanga Parbat zu Tode gekommen. Nachdem wir alle anderen Gruppen überholt hatten, erreichten wir den Gipfel als erste. Zurück ging es auf einem Umweg, wir mussten eine südliche Schutthalde in der Mittagssonne hinaufsteigen, dann rannten wir auf der Nordseite die Schutthalde hinunter, umgeben von einer Steinlawine. Wir hatten nichts zu trinken dabei. Als wir Kühe sahen, die aus einer Pfütze tranken, tranken wir auch daraus. Die Kühe schienen sich darüber zu wundern.

Geschichte

Für Geschichte hatte ich lange kein Interesse. Es gelang mir nicht, Ordnung in die vielen Einzeltatsachen zu bringen. Erst als ich ein Buch über Mnemotechnik gelesen hatte, fiel es mir leicht, die Geschichtszahlen zu lernen. Joachim Vogt, der in Geschichte sehr gut war, fühlte sich herausgefordert. So lernten wir sie um die Wette. Das ging so weit, dass es nicht mehr um das Jahr ging, sondern nur noch um den Tag. Kaiserkrönung Ottos des Großen? Am 2. Februar.

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Latein und Altgriechisch

Ich schätze, dass diese beiden Fächer ¾ des Arbeitsaufwandes beanspruchten, im Verhältnis zu viel.

Während meines Kartendienstes fiel mir eine Abhandlung über das Carmen de bello Saxonico in die Hände. Teile dieses mittelalterlichen Gedichts (in Hexametern mit Binnenreim) wurden viel später Unterrichtsstoff für meinen Lateinkreis, 11 in dem ich seit 30 Jahren Mitglied bin: ../Latein/DeBelloSaxonico.xml

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Als wir uns in der Latina mit dem Römisch-Germanischen Krieg beschäftigten, versuchte ich, von den antiken Schriftstellern erwähnte Orte zu lokalisieren, unter Anderem Arbalo, den Ort einer Schlacht unter dem Feldhern Drusus im Jahre 9 v. Chr., der bis dahin in der Gegend von Soest vermutet wurde. Da Drusus von Westen bis an die Elbe zog, suchte ich auf der Generalkarte im Verlauf der Bundesstraße 1, dem alten Hellweg, nach ähnlichen Ortsnamen, die mit A oder GA anfingen. 12 Ich fand den Ort Garbolzum, unmittelbar neben dem Ort Schellerten, der schon im Verdacht stand, die antiken Castra scelerata zu sein. Diese Vermutungen versuchte ich mit Hilfe der Texte antiker Schriftsteller (meist in Altgriechisch), und der Daten der digitalen Karte der ägyptischen Geographen Strabo und Ptolemäus und Landkarten der frühen Neuzeit zu stützen. Das Römerlager Aliso lokalisierte ich bei Elze. ../ArbaloSchlacht/20Fazit.html ../ArbaloSchlacht/19AlisoLokalisierungEigene.html

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Englisch

Englisch, das ich früh abgewählt hatte, kam zu kurz. Ich lernte es erst richtig, als ich in der zweiten Jahreshälfte 2003 in London arbeitete.

Gerade im IT-Bereich ist Englisch natürlich absolut notwendig, aber als Qualifikation gerade deswegen nichts wert. In einem Vorstellungsgespäch bei der Hessischen Oberfinanzdirektion argumentierte ich deshalb so:

Englisch kann jeder Depp, ich auch. Aber ich kann sehr gut Deutsch! Das können die Inder und Osteuropäer nicht. Und ich habe das Große Latinum und das Graecum. Ich verstehe auch Ihr Finanzchinesisch!

Das überzeugte sie anscheinend; jedenfalls bekam ich die Stelle.

Mathematik

Das Mathematik-Abitur ging dem Hauptabitur ein Jahr voraus. Am Morgen vor der Klausur, auf dem Wege zum MPG, ging ich am Gauß-Grab auf dem Albanifriedhof vorbei. Obwohl ich sie mit sehr gut abschloss, zweifelte ich, ob meine Kenntnisse ausreichen würden, das Fach zu studieren. Herr Gerken hatte einige von uns, darunter mich, zu einem Kurs über Topologie am Mathematik-Institut geschickt, der von angehenden Mathematiklehrkörpern genutzt wurde, die pädagogischen Fähigkeiten zu üben. Dort begegnete ich Schülern des Felix-Klein-Gymnasiums, die viel mehr Mathematik beherrschten.

Ich nutzte die Bundeswehrzeit, um die Lücken zu verringern. Die ersten Semester waren sehr hart. Morgens fand die erste Vorlesung schon um 8 Uhr c. t. statt, nachts saß ich bis nach Mitternacht an den Übungsaufgaben.

Die Abbruchquote in Mathematik war hoch. Sie traf vor allem Optimisten, die ihre Schulkenntnisse überschätzt hatten.

Informatik

… war noch kein Schulfach, aber mein Vater bot an, ein paar Unterrichtsstunden an einem Modellrechner der Phywe zu halten. Mit einem Computer unserer Zeit hatte das Gerät, das so groß wie eine Schultafel war, wenig gemeinsam. 14 15 Bytes zu 6 Bit, 8 Byte Speicher (ein Smartphone hat heute typischerweise 2000000000 mal so viel). Das Gerät war nur für einfachste Rechnungen geeignet. Das Programm wurde im Maschinencode mit Bleistift auf einen Papierstreifen geschrieben und eingelesen. Ich brachte den Rechner immerhin dazu, mittels des Newtonschen Näherungsverfahren die Quadratwurzel zu ziehen.

Chemie

Hierzu fällt mir nur ein, dass Pyrotechnik eine Leidenschaft in unserer Klasse war. Mit einer wässrige Lösung aus Salpetersalz, das beim Mischen von Schwarzpulver übrig war, pinselte ich bustrophisch Mäander auf ein Blatt Papier. Wenn die Spur angezündet war, fraß sich die Glut langsam bis zur Zündschnur des Knallkörpers fort. Damit ließ sich die Explosion extrem verzögern.

Nachdem Joachim Vogt und ich eine Bombe im Kanonenrohr eines Panzerwracks plaziert und den Zündmechanismus gestartet hatten, wurden wir weit entfernt vom Jagdpächter überrascht. Er vermutete zu Recht, dass wir für die vorigen Explosionen verantwortlich waren. Ja, wir hätten da auch sowas gehört, sagten wir mit Unschuldsmiene. Kurz danach hörte man in weiter Entfernung den Knall aus dem Panzerrohr, und wir hatten ein Alibi.

Biologie

Nachdem ich das Diplom in Numerischer Mathematik hatte, vermittelte mir mein Diplom-Vater Anfang 1981 die Stelle eines Wissenschaftlichen Mitarbeiters im Sonderforschungsbereich 135 Ökosysteme auf Kalkgestein. So wurde ich für fast zwei Jahre zum Botaniker und Ökologen.

Das war eine schöne Zeit für mich; die botanischen Exkursionen machten Spaß. Ich konnte meine Kenntnisse in Informatik und Mathematik anwenden. Aber als sich abzeichnete, dass der Sonderforschungsbereich Ende 1982 aufgelöst wurde, wurde mir klar, dass ich ein totes Pferd ritt.

Beruf und Familie

Ich bewarb mich um eine IT-Stelle 16 und zog nach München-Schwabing. Im IT-Bereich arbeitete ich bis Mitte 2023, zuletzt als selbständiger Berater.

Während ich für die Unternehmensberatung Cap Gemini bei der Forschungsanstallt für Landwirtschaft eingesetzt war, besuchte ich eine Bekannte aus der Zeit beim SFB 135. Sie wurde meine Frau. Wir haben 3 Kinder und eine Enkelin.

Schulgebäude

In welch schönem Gebäude wir lernen durften, erhellt sich aus folgender Textstelle aus dem Jahresbericht des Schuljahres Ostern 1883 bis ebendahin 1884. Es stammt vom Dachboden unserer Anstalt und gelangte während des Kartendienstes um 1970 in meinen Besitz, wenn man das so nennen darf.

Hintergrund/1884 MPG Auf gewölbten Kellern ruhend 1.jpg

1Fundamentaltechnik (Fundamente bestreiten), Widerspruchstechnik (innerhalb des gegnerischen Standpunktes), Vergleichstechnik (Verharmlosung, Zurechtrücken), Folgerungstechnik, Kehrseitentechnik (Ja, aber), Zergliederungstechnik (teils richtig, teils falsch, schaft Autorität), Bumerangtechnik, Ab- und Aufwerten (Schwerpunkte verschieben), Vorfragetechnik (ich hab da noch ein paar Fragen), Scheinstützentechnik (obwohl ich mehr weiß als Sie), Entwaffnungstechnik (Skandale in die Rede aufnehmen und sie mildern)

2Verallgemeinerung, Übertreibung, Witztechnik, Autoritätstechnik (einseitig zitieren), persönlich werden, Ausweichtechnik, Gefühlsappeltechnik, Gegenfrage - Rückfrage, Fangfragen, Ermüdungstechnik

3O. W.: Und hier etwas für Dich, Jürgen: als Du in unsere Klasse kamst, hast Du Dich zu Recht sehr geärgert, als Frau Ostermann Dir ankreidete, dass Du das lateinische Perfekt, wenn es Sinn machte (also fast immer), mit einem deutschen Präteritum übersetztest. Laut Ostermann musste man (sagte sie nicht, es folgte aber aus ihrer Praxis) "veni, vidi, vici" übersetzen mit "ich bin gekommen, ich habe gesehen, ich habe gesiegt."

41928 - 2008-12-07

5 O. W.: Ich fühlte mich ungerecht behandelt (hatte einen klaren Fehler aus dem Lehrbuch übernommen), und dann war ich hartnäckig. Habe daraus gelernt, auch bei meinen Studenten sicherheitshalber nachzusehen, ob sie ggf. Fehler aus einem Standardwerk übernommen haben; das ist tatsächlich ziemlich häufig! Gidion hat das ja auch eingesehen; bloßes Gejammer hätte ihn kaum gerührt. Gidion fragte natürlich, ob er den bewussten Fehler auch anderen angestrichen hatte. Er hatte und änderte das auch, aber leider führte es nur bei mir zu einer Verbesserung der Zensur - wer weiß, vielleicht hätte man mich sonst als Rächerin der Enterbten gefeiert! Mit den Zweiern bei Tamm war es etwas anderes - da hatte ich ja offenen Auges gezockt und gehofft, T. werde mit der Anmerkung (gr. Potentialis) zufrieden sein. Ich grollte, protestierte aber nicht.

6Selten hat sich etwas zu lernen gelohnt wie das 12-Finger-System auf der Schreibmaschine.

7Unteroffizier vom Dienst

8O. W.: Die arme Frau Kreer ist mit 36 an einer Nierenkrankheit gestorben.

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Vor allem Petra war an Sarkasmus nicht zu übertreffen. Als wir am 5.10.72 im Religionsunterricht bei Goldbach erklären sollten, was Voluptas bedeute, sagte sie, dass Jürgen Kramer gern mit Hannelore schlafen würde, schränkte aber ein, dass sie nicht wolle, dass der Hannelore das Frühstück hochkomme. Ich mochte den Sarkasmus meiner Tischnachbarin, hatte aber auch Mitleid mit J. K.; der Spott hätte auch mich treffen können. Auch Mädchen, vor allem Otta, wurden ihr Opfer.

10 Viel später schrieb ich Episoden meiner Familiengeschichte auf (noch längst nicht fertig). Ein Auszug: Der Vogt von Tenneberg

11Societas Latina Andreana

12Deutsches GA entspricht lateinischem (H)A (wie in anser = Gans)

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Eine Nebenaufgabe war die Lokalisierung des Berges Melibocus. Weil die meisten Quellen in lateinischer Sprache verfasst waren, schrieb ich den Aufsatz darüber auch in Latein: ../Melibocus/la/index.html

Zufällig stieß ich im im Schloss Dunrobin in Schottland auf die alte Sage, dass der Clan Keith sich auf in der frühen Kaiserzeit eingewanderte Hessen (Chatti) zurückführt, und zwar auf die Chatti Moelibosci. Mir fiel dazu ein, dass der Humanist Beatus Rhenanus die Grafschaft Katzenelnbogen mit Chattorum Meliboci gleichgesetzt hatte.

../Melibocus/la/ChattiInScotia.html
../Melibocus/la/ChattiMoelibosci.html

14 https://www.uranmaschine.de/86978.Phywe_Programmgesteuerter_Rechner_06978_00/

15 Ein beliebtes Spielzeug der Zeit war der Spielcomputer Logikus, den ich auch besaß. Ich programmierte darauf die Akzentregeln des Altgriechischen.

16 Ein Vorstellungsgespräch fand in der Piano-Bar des Kempinski-Hotels Vier Jahreszeiten in München statt, worauf ich ein wenig stolz war.