Jubiläum Abitur 1974
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Es beginnt mit dem Übertritt auf das Gymnasium. Der erste Schultag auf dem MPG hat sich mir eingeprägt. Ich war sehr aufgeregt und ein bisschen stolz. Wir waren vier Fahrschüler in der Klasse, drei aus Adelebsen (Jürgen Meyer, genannt Borstel, Mathias Meyer, und ich), und Jürgen Kramer aus Hardegsen. Von unserem Mathelehrer Solf wurden wir vier vom Dorf in der ersten Stunde mit den Worten begrüßt
Ihr seid Schrott!
und in die letzte Reihe gesetzt, weil wir mit unserer ländlichen Rückständigkeit nicht den Unterricht behindern sollten.
Unser Englischlehrer [de]Hartmut Breitkreuz (der später auf eine PH-Professur in Heidelberg wechselte und über False Friends publizierte) gründete für sieben oder acht Jungen aus der Klasse eine Pfadfindergruppe, der ich begeistert beitrat. Schon nach kurzer Vorbereitung fuhr unser Gruppenleiter mit uns zu einem riesigen Pfadfinderlager bei Eckernförde an der Ostsee, half uns noch, unsere Köte aufzubauen, und ließ uns dann eine ganze Woche inmitten von mehreren tausend Pfadfindern alleine zurück. Ich wäre beim Versuch, zusammen mit meiner Gruppe einen kleinen See zu durchschwimmen, um Haaresbreite ertrunken, wenn mich nicht mein Mitschüler Stephan Zieseniss gerettet hätte. Dafür bin ich ihm immer noch dankbar.
Unseren ersten Lateinlehrer Martin Schuseil habe ich in angenehmer Erinnerung. Vor seiner Staatsexamensprüfung bereitete er die Klasse intensiv auf die Lehrprobe vor, wir alle gaben vor der Prüfungskommission unser Bestes, und Schuseil belohnte uns dann am nächsten Tag mit einer großen Tasche voller Süßigkeiten. Offensichtlich hatten wir ihm zu einer guten Note verholfen.
Ein anderer Lehrer, an den ich mit Respekt denke, ist der Mathelehrer Neitzel. Zur Vorbereitung auf das Matheabi ging er mit der gesamten Klasse für eine Woche in Klausur in einer Skihütte im Harz, wo wir konzentriert den Unterrichtsstoff der letzten Monate wiederholten und danach noch draußen im Schnee mit Ski oder Schlitten unterwegs waren. Die Abende waren wohl gelegentlich ziemlich alkoholgeladen. An einem Abend schaufelten einige Scherzbolde (keine Namen!) den Innenraum des VW-Käfers unseres Lehrers bis unter das Dach voll Schnee, als Dank für seinen Einsatz. Aus heutiger Sicht finde ich es bewundernswert, dass Herr Neitzel Haltung bewahrte, nicht ausrastete, und noch mitten in der Nacht seinen Wagen wieder freischaufelte.
Das Matheabi habe ich übrigens als einziger nicht zum Haupttermin mitschreiben können, weil ich mich wenige Tage zuvor bei einem missglückten Experiment mit selbstgebasteltem Sprengstoff gefährlich verletzt hatte. Das war ziemlich blöd und beendete schlagartig mein Interesse an angewandter Chemie.
Zur Ehrenrettung unseres Deutschlehrers Henning, genannt Gammel, muss ich noch eine Anekdote beisteuern. Sein Unterricht zeichnete sich durch eine geradezu groteske Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit aus. Dabei war Gammel eigentlich ganz wohlwollend, merkte aber nicht, dass wir Schüler ihm ständig auf der Nase herumtanzten. In einer Unterrichtseinheit sollten wir uns mit Zeitungen befassen. Meine Arbeitsgruppe erhielt großes Lob für den Nachweis, dass die untersuchten Ausgaben der Bildzeitung über einen hohen Anteil an Bildern verfügten und die Zeitung deshalb ihren Namen zu recht trüge. In Deutsch musste ich im Abitur in die mündliche Prüfung. Als mir das mitgeteilt wurde, ließ mich Herr Henning wissen, ich solle ihn vorher nochmal zu Hause anrufen. Am Telefon fragte er mich beiläufig, ob ich "Die Physiker" von Dürrenmatt gelesen hätte. Ich hielt das für eine Finte und konzentrierte mich bei der Abivorbereitung weiter auf Goethe und Schiller - ein Fehler.
Ich weiß nicht, was mich bewegt hat, ausgerechnet Erdkunde, das anspruchsloseste aller unserer Schulfächer, für ein Parkstudium auszuwählen. Jedenfalls packte mich ziemlich schnell die Leidenschaft für die Geographie und die geographische Forschung. Meiner Spezialisierung im Bereich Development Geography verdanke ich viele Jahre in verschiedenen arabischen und afrikanischen Ländern, und bin in dem Feld bis heute mit viel Freude als Seniorprofessor tätig.
Fazit: Ob ich in der Schule wirklich, wie es eine der in den Flurfußboden eingelassenen Weisheiten
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verspricht, etwas für das Leben lernen
konnte, würde ich nur mit Einschränkung bejahen. Ich denke, dass ich meinen Lebensweg nicht wegen, sondern trotz dieser Schule gefunden habe. Aber Schwamm drüber — ich freue mich auf die Begegnung mit den ehemaligen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden und die Auffrischung längst verschütteter Erinnerungen.
J. H.: An die auf dem Boden aufscheinenden Weisheiten erinnere ich mich - war nicht vor dem Sekretariat, damals am Anfang des Flurs rechts, Odi profanum vulgus
() oder so ähnlich eigelassen?
Passt zur damaligen Arroganz der Lehranstalt.
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