Jubiläum Abitur 1974
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Bei Herrn Boestfleisch hatten wir, nach Geschlecht getrennt, höchst peinlichen Aufklärungs-Unterricht.
Wie Jürgen möchte ich auch zur Ehrenrettung von Maestro Brock beitragen. Es war nicht nur die Ballade vom alten Hemd oder der Nöck, was mich in Bann geschlagen hat, sondern auch die Bilder einer Ausstellung und die Dreigroschenoper. Weil Magdalena Fuchs sich den Bolero gewünscht hatte, wurde uns auch der zu Gehör gebracht.
Er hat, ignoriert von der banausigen Mehrheit,
in einer One-Man-Show die Dreigroschenoper mit Piano aufgeführt.
Ich war, vielleicht als einziger, völlig fasziniert. Und er hat kommentiert:
Polly und McHeath sitzen romantisch bei Vollmond auf einer Bank. Sagt sie zu ihm:
Oh Johnny, wenn du wohin gehst, geh ich auch hin.
Dann noch etwas spezielles: Brock erzählte, dass er in der Nazizeit bei einer Feier in der Aula ein selbst komponiertes Werk auf dem Piano gespielt hat: ein Thema mit Variationen, bestehen aus den Tönen, in dieser Reihenfolge: es-c-h-eis-es-e. Durchaus harmonisch.
Ob die Story wahr ist oder nicht, ich glaube daran und finde, er war ein aufrechter, ehrlicher, bemühter, von seinem Fach erfüllter Mensch.
Die Ignoranz war auf Seiten der Schülerschaft, und er hat sie nicht verdient. Nun gut, er sah damals aus wie ein Penner, Schülerinnen sollen ihm mal ein Stück Seife geschenkt haben.
Bei dem letzten Jubiläum war er gut gekleidet und wirkte wie ein Grandseigneur, ich habe ihn erst nicht wiedererkannt.
Zwei etwas fiese persönliche Anekdoten, die an Max und Moritz erinnern, kann ich noch beisteuern.
Ich hatte in der Zeit einen etwas älteren Freund namens Peter, der später Jesuiten-Pater geworden ist und es bis nach Rom geschafft hat. Ein intelligenter lustiger Bursche, zu jeder Untat bereit. Das Gute am Katholizismus: man kann sich fast alles erlauben, muss hinterher nur beichten und drei Ave Maria beten.
Er kam auf die Idee, Lehrer anzurufen und zu veräppeln.
Zu Frau Ostermann:
Guten Tag, dürfte ich mal Ihren Mann sprechen?
Sie:
Meinen Sie meinen Sohn?
Aufgelegt. Da habe mich etwas geschämt.
Zu Herrn Natonek, bei dem wir gerade die Erzählung Die rote Katze von durchnahmen:
Da rota Katza frisst den Speck von Ihnen weg, Herr Natonek.
Aufgelegt. Auch nicht schön. Aber wie gesagt: mit drei Ave Maria war für Peter, der angerufen hatte, wieder alles auf Null. Mich plagten dagegen Gewissensbisse, denn ich mochte beide.
Noch eine Anekdote: ich kaufte Stefan Schlange-Schöningen einen sechsschüssigen Spielzeugrevolver ab, bei dem er den Lauf bis zu den Patronen durchgebort hatte, sodass aus dem Lauf die Funken sprühten. Echt faszinierend. Natürlich auf dem Schulhof während der Pause gleich ausprobiert. Ein Griff von hinten an den Kragen: Frau Ostermann nahm mir die Waffe ab, ich könne sie mir im Lehrerzimmer bei meinem Klassenlehrer, Herrn von Wedemeyer, abholen.
Am nächsten Tag zaghaft an der Tür zum Lehrerzimmer geklopft, Wedemeyer wusste schon, worum es ging. Tür zu, er musste sie aus seinem Fach holen. Ein lauter Knall im Lehrerzimmer, die Tür ging auf, er drückte mir hastig mit rotem Kopf den Revolver in die Hand.
Blacky hatte zwei Naturen, wie Mr. Jekyll und Mr. Hyde.
Ich hörte den Unterschied schon an seinen Schritten, bevor er das Klassenzimmer betrat. Lahm oder beschwingt. Im ersten Fall setzte er sich hinter sein Pult: "Hat jemand übersetzt?" Schweigen. "Ich übersetze..." Nächste Hausaufgabe, der niemand nachkam.
Im zweiten Fall: Er stellte seine Aktentasche aufs Pult, lief vor der Tafel hin und her und begann:
Haben Sie sich schon mal so gefühlt, dass man seine Vergangenheit so absetzen möchte wie einen schweren Rucksack?
Wie Odysseus am Gestade der Phäaken? (
Odysseus B'deckte seine B'löße mit einem B'laubten Zweig
). Niemand weiß, dass er durch List und Heimtücke Troja zu Fall gebracht hat. Er wurde hoch geehrt.
Und:
Kennen Sie von Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein? Die Möglichkeit, seine Vergangenheit löschen zu können, um als unbeschriebenes Blatt neu anzufangen?
Diese Stunden haben mich in ihren Bann geschlagen, obwohl mir der tiefere Sinn zur Gänze erst später aufgegangen ist.
Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich das MPG besuchen durfte, obwohl es für mich eine lange Leidenszeit war, bis ich in der C-Klasse Tilman wieder traf. Diese letzten Jahre auf dem MPG waren heiter.
Zu ihm habe ich eine Anekdote: Wir hatten im Zeichenraum ganz oben im Gebäude — im Sommer wurde es sehr warm — Unterlagen aus Blech fürs Zeichnen; denn die alten Tische waren schrundig.
Eines Tages kamen Cuno Götz von Olenhusen und ich auf die Idee, sie in die Hände zu nehmen und wabbeln zu lassen, was einen coolen Sound gab. Nur war die Frage: Wer kann's besser? Während dessen war, unbemerkt von uns, Herr Vossberg hereingekommen. Unsere Strafe: wir mussten nach vorne kommen, mit den Blechen, und für den Rest der Stunde weiter wabbeln. 1
Wir hatten irgendwann Herrn von Wedemeyer als Klassenlehrer, der ziemlich forsch und fordernd auftrat, mich in Angst und Schrecken versetzte; denn ich war ein schlechter Schüler, von meiner Fehlerhaftigkeit überzeugt.
Zum Fasching trug Herr von Wedemeyer ein weißes T-shirt mit der Aufschrift nobody is perfekt. Seitdem hatte er in mir einen Fan.
Als ich sah, wie ihm bei seiner Lehrprobe die Hände zitterten, habe ich für ihn mitgefiebert, wie andere für ihren Fußballverein.
1 : Auch unsere Klasse hat die Bleche geschwungen und fernen Donner erzeugt. Wir hatten Meyer-Borchert. Vossberg war ein fieser Gesell.
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