Jubiläum Abitur 1974
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Vorab sei angemerkt: Es sind meine Erinnerungen und meine Wahrheiten, aber auch hier gilt für mich: „nihil nocere“ - Nie jemanden schaden und „de mortuis nil nisi bene“ - Über Tote nichts außer Gutes.
Auch wenn irgendwo auf dem Fußboden unseres Max-Planck-Gymnasiums der Spruch eingelassen war: „non scholae sed vitae discimus“, so hat sich mir schon während der Schulzeit sehr deutlich gezeigt, dass der alte Seneca in seinem Brief an Lucillus es grundsätzlich anders gemeint hatte: non vitae sed scholae discimus
: „Kinderspiele sind es, die wir da spielen. An überflüssigen Problemen stumpft sich die Schärfe und Feinheit des Denkens ab; derlei Erörterungen helfen uns ja nicht, richtig zu leben, sondern allenfalls, gelehrt zu reden. Lebensweisheit liegt offener zu Tage als Schulweisheit; ja sagen wir’s doch geradeheraus: Es wäre besser, wir könnten unserer gelehrten Schulbildung einen gesunden Menschenverstand abgewinnen. Aber wir verschwenden ja, wie alle unsere übrigen Güter an überflüssigen Luxus, so unser höchstes Gut, die Philosophie, an überflüssige Fragen. Wie an der unmäßigen Sucht nach allem anderen, so leiden wir an einer unmäßigen Sucht auch nach Gelehrsamkeit: Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir.
Nicht dass ich den Brief selbst übersetzt hätte. Schon im Lateinunterricht hatte ich den praktischen Nutzen einer Reklamklitsche erkannt. Unser Klassen- und Lateinlehrer, Herr Schwarz, kürzte unsere mühsamen Übersetzungsversuche gerne mit der Bitte an mich ab, ich möge aus der sowieso unter der Bank bereitliegenden Reklamklitsche einfach den Text vorlesen. Das sparte Zeit und wir konnten über den Inhalt ausführlich diskutieren.
Senecas Kritik an einer zu wenig am praktischen Leben orientierten Ausrichtung der Schulbildung unterstreiche ich auch nach fünfzig Jahren noch vollumfänglich. Weder Latein, Griechisch noch Mathematik haben mir die grundlegenden Fähigkeiten für die zurückliegenden Herausforderungen geliefert. Wenn dann waren es kurze, aber prägnante Ereignisse im Unterricht, die lange nachgewirkt haben. Urheber waren Lehrer, deren Handlungen und Charaktere sich bei mir tief eingebrannt haben.
Allen voran stehen bei mir Frau Riebe, unsere Englischlehrerin, Herr Schwarz, s.o. und Herr Neitzel. Letzterer unterrichtete Mathe und Sport. Er war ein genialer Pädagoge! Er hat mir, so was von unsportlichem Knaben, beigebracht, wie man am Seil bis zur Hallendecke emporklettert und dann oben, sich nur mit den Füßen und Hals haltend, mit beiden Händen an die Decke klatschen konnte. Auch meine Angst vor dem Kastensprung hat er weggeblasen, indem er sich direkt dahinter stellte und mir zurief: "Spring einfach in meine Arme!" Ich habe ihn über den Haufen gesprungen und wir beide kugelten lachend und prustend vor Freude über den Hallenboden.
Die Welt der Zahlen hat er uns in den beiden Jahren vor dem Mathe-Abitur - das wurde als Vorabi abgeprüft, um den erhabenen Wert der humanistischen Bildung im Haupt-Abi nicht ungebührlich zu mindern - in einer ganz eigenen Art und Weise vor Augen geführt. Minimax-Gleichungen wurden mit der realen Aufgabe verbunden, Milchtüten mit einem möglichst geringen Kartonverbrauch zu berechnen.
Eines Tages kam er in die Klasse, nahm ein Stück Kreide und malte einen Strich von der einen Ecke der Stirnwand über die Tafel bis zur Fensterseite, darunter einen kurzen mitten auf die Tafel und schrieb „g“ an den langen und „AB“ an den kurzen, drehte sich dann um und fragte grinsend: "Was ist der Unterschied?" Wir schmissen uns unter die Bänke. Das war unterste Geometrie und das uns, so kurz vor der Reifeprüfung. Es folgte eine lange und heftige Diskussion über die Krümmung der Geraden im Unendlichen, die beiden Unendlichkeiten, ob negativ oder positiv, und ihre vermeintliche Einswerdung. Er führte uns die Nichtigkeit der durch ihre Endpunkte definierten Strecke vor Augen und nahm uns mit auf dieses „g“. Dort ist er für mich bis heute geblieben!
Herr Schwarz und Frau Riebe sind für mich nicht durch ihren Unterricht, sondern durch ihre aufopfernde Begleitung auf unserer Abschlussfahrt nach London in bester Erinnerung geblieben.
Nachdem ich die neunte Klasse wiederholen durfte und in der darauffolgenden zehnten wieder erkennen musste, dass die den A und B-Zügen vorbehaltene „echte humanistische Bildung“ nicht für mich geeignet war, konnte ich meine Eltern davon überzeugen, dass ein Wechsel in den C-Zug die bessere Option gewesen ist.
Anschließend hatten wir viel Spaß und der Leistungsdruck hielt sich in Grenzen. Nur so war es für mich möglich, Schule und Leben miteinander zu verbinden. Herr Schwarz hatte für meine außerschulischen Aktivitäten volles Verständnis und übergab mir am Ende des Monats immer eine Liste mit meinen Fehlstunden mit der Bitte, die Entschuldigung als Sammelausführung nachzureichen.
Begonnen hat diese Interessenkollision mit dem Tag, als aus welchem Grund auch immer in unserer Klasse plötzlich Tanzschule angesagt war. Wir diskutierten schon eine ganze Zeit darüber, ob Frobenius mit dem Tanzclub Schwarz-Gold oder die Konkurrenz Grün-Orange besser sei. Frobenius war altbacken und es gab zunächst getrennten Anstandsunterricht, damit die Geschlechter nicht unkontrolliert aufeinanderprallten. Grün-Orange war eher eine Diskothek. Ich entschied mich mit einigen Klassenkameraden für Frobenius. Das war unser Abschlussballfoto und wer mag, kann versuchen, sich oder andere wiederzuerkennen. Ansonsten lassen wir alle Beteiligten in der schützenden Anonymität.
Etliche Kurse folgten und letztendlich war Turniertanz angesagt. Zudem durfte ich den Herrn neben Frau Frobenius als Tanzschulassistent ersetzen und meine damalige Tanzpartnerin hatte mich mit dem „Reitsportvirus“ infiziert.
Ab jetzt wurde es für die Schule richtig eng. Nachmittags war Reiten angesagt. Dafür musste ich erst nach Hause, mich umziehen, zum Bahnhof und mit dem Bus nach Lutterhausen, reiten, zurück, duschen, umziehen, Tanzschule bis nach Mitternacht. An Tagen, an denen kein Tanzkurs stattfand, blieb ich gerne bis zum nächsten Morgen in Lutterhausen, da die Abende im Reiterstübchen nicht ohne Reiz waren. Anrufe meiner besorgten Mutter konnte ich abwehren. Problematisch war, dass dieser Hetze nicht nur die sechste Schulstunde zum Opfer fallen musste, sondern auch meine Teilnahme am nachmittäglichen Sportunterricht verhinderte. Der "Blaue Brief" mit den Worten "Klaus gefährdet das Bestehen der Reifeprüfung..." liegt noch in meinen Unterlagen.
Die Vernunft hat damals gesiegt!
Das nächste Highlight war die Abschlussfahrt nach London. Wir fuhren hin mit dem Schiff über Bremerhaven nach Harwich und quartierten uns in einem Jugendhotel in Bayswater ein. Der Aufenthalt war geprägt vom pädagogisch sicher ehrenwerten Versuch von Frau Riebe, uns die englische Kultur hautnah erleben zu lassen. Herr Schwarz entledigte sich schon auf der Zugfahrt nach Bremen seines ewig steifen dunklen Anzugs und kam in Jeans wieder von der Toilette zurück. Ab da waren die Interessen beider Pädagogen nicht mehr deckungsgleich.
Während der Hauptteil der Klasse brav hinter Frau Riebe herzog, klinkten Schwarz und ich uns aus und machten Soho unsicher, fanden aber abends immer wieder zusammen, und die diversen Fotodokumente belegen die zahlreichen pädagogisch wertvollen gemeinsamen Momente.
Dann musste Stefan rudern und ich konnte seine Freundin verwöhnen.
Dass unser Stocherkahn bei einem Cambridgebesuch von Joachim gerammt wurde und ich in der Cam baden ging, war einer von drei dramatischen Höhepunkten.
Der zweite folgte in Verbindung mit dem reichlichen Genuss von Cider. Herr Schwarz hatte sich eine schwere Fußverletzung zugezogen und Elisabeth assistiert mir bei der Wundversorgung.
Der dritte folgte auf der Rückfahrt mitten auf der Nordsee. Per Bordlautsprecher wurde notfallmäßig Herr Dr. Schwarz als vermeintlicher Arzt ausgerufen: „Dr. Schwarz, please contact the information desk in a case of emergency!“ Er wählte mich, da ich gerade einen Erste Hilfekurs beim DRK absolviert hatte, zu seinem persönlichen Assistenten und wir leisteten dem Aufruf gemeinsam Folge. Der Hinweis, dass er zwar einige Semester Medizin studiert habe, der Dr. aber nur der Philosophie geschuldet sei, störte den Ersten Offizier wenig. Es sei aber kein weiterer Arzt an Bord und die Senatorin wünsche umgehend eine Visite. Gnädige Frau hatte sich in London von ihrem Leibarzt operieren lassen und zeigte uns in der Kapitänssuite bereitwillig ihre OP-Wunde. Der Erste Offizier erklärte ihr meine Funktion korrekt und ich diagnostizierte eine winzige Wunddehiszenz, die ich mit Einlage eines Leukasekegels und einem Pflaster fachmännisch versorgte. Das war der erste Akt. In der Pause folgte ein ausgelassener und langer Abschiedsabend in der Borddisko. Am nächsten Morgen fühlte ich mich verpflichtet, der Senatorin noch eine Abschiedsvisite zukommen zu lassen. Sie war gerührt, fühlte sich auch schon viel besser und ließ mir vom Ersten Offizier als Dank eine Packung exquisiten Pfeifentabaks überreichen. Diese frühe Erkenntnis, dass auch nicht notwendige medizinische Maßnahmen honoriert werden, hat evtl. meine spätere Berufswahl mit beeinflusst. Der Tabak war ausgezeichnet, und ich muss beim Smalltalk der Senatorin wohl von meinem Laster des Pfeiferauchens erzählt haben.
Das letzte Schuljahr war aber auch das einzige, in dem ich das Gefühl hatte, doch das richtige Gymnasium gewählt zu haben. Trotzdem bahnte sich das Leben außerhalb seine Bahn. Die Bundeswehr stand vor der Tür und Wehrpflicht kam für mich nicht infrage. 18 Monate ohne Einkommen waren nicht denkbar, also musste ich mich verpflichten. Die in Aussicht stehende Abinote war mit Sicherheit nicht geeignet, auf einen Medizin-Studienplatz sofort im Anschluss hoffen zu können. Es gab damals die Möglichkeit, mit vier Jahren seinen Krankenpfleger über den Sanitätsdienst der BW machen zu können, also bewarb ich mich darauf.
Die Eignungs- und Verwendungsprüfung in Hannover bestand ich im Gegensatz zum Abitur mit Bravour. Somit war der weitere Weg für mindestens vier Jahre fest vorgezeichnet und das Überleben gesichert. Mein Abizeugnis übereichte mir unser Direktor, Herr Block, wie allen anderen des C-Zuges auf der Hintertreppe des Gymnasiums mit den süffisanten Worten: "Na Klaus, bei ihnen ist die Note doch unerheblich. Sie gehen ja zur Bundeswehr."
Dieser Akt hatte ein Nachspiel. Anlässlich eines Theaterbesuches mit meiner Frau im DT in Göttingen trafen wir im Foyer wieder aufeinander. Herr Block hat mich bemerkenswerterweise sofort wiedererkannt. Mein Studium lag schon geraume Zeit hinter mir und die erstaunte Frage: "Was machen Sie denn beruflich? Sie wollten doch zur Bundeswehr!", konnte ich mit "Arzt" kurz und knapp beantworten. Er wich förmlich zwei Schritt zurück und fragte nach: "Wohl auch noch promoviert, was?" Mit meinem "Ja!" war das Eis gebrochen. Ich glaube, er hat sich sogar gefreut. Jedenfalls bin ich, als Geschäftsführer Medizin, Pflege und IT eines diakonischen Krankenhauskonzerns, ihm, als Aufsichtsratsmitglied des Ev. Krankenhauses Weende, noch etliche Male in Göttingen begegnet und wir haben immer fröhlich miteinander geplaudert.
Zu diesem Zeitpunkt hatte mich das reale Leben schon fest im Griff. Unsere drei Töchter waren geboren, die Zeit als Oberarzt der Gynäkologie im Friederikenstift Hannover lag schon einige Jahre hinter mir und die Tätigkeit als Geschäftsführer hat mich zuletzt quer durch Deutschland getrieben. Unser Familiensitz ist bis heute aber das beschauliche Algermissen geblieben. Erst mit 60 habe ich wieder den weißen Kittel angezogen und mich auf meine ursprünglich gewünschte Rolle als „Arzt“ zurückgezogen. Trotz Renteneintritts vor fünf Jahren lässt mich mein Vollzeitjob in der psychiatrischen Institutsambulanz des AMEOS Klinikums Hildesheim nicht los. “Dass sie nicht in den Himmel wachsen, dafür sorgt schon das Leben.” Zitat aus der Feuerzangenbowle.
Klaus Heidelberg
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