Die Schlachten bei Arbalo, Teutoburgiensis Saltus, Campus Idistaviso und der Hildesheimer Silberfund

Hans Dobbertin : Starb Drusus in Schellerten ?

  1. Zeitschrift Heimatland, 1986
  2. Weitere Literatur

Zeitschrift Heimatland, 1986

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Im Jahre 9 v. Chr. zog der Augustus-Stiefsohn Drusus vom Taunus aus kämpfend durch die an die Sueben angrenzenden Chatten zu den Cheruskern und drang dort über die Weser bis zur Mittelelbe vor. Dort sagte ihm eine körperlich große germanische Seherin den nahen Tod voraus. In der Tat starb Drusus »zwischen Saale und Rhein« kurze Zeit später nach einem Reitunfall und anschließendem einmonatigen Krankenlager in Anwesenheit seines 200 Meilen weit eilends herbeigeholten Bruders Tiberius im Sommerlager, das fortan oder deswegen (»ex eo«) Scelerata  genannt wurde (Sueton, Claudius 1).

»Zu ,Scelerata’ möchte ich ergänzen, daß damit nicht ein Ortsname gemeint ist, sondern die Tatsache, daß es sich wegen des Todes des Drusus um ein beflecktes (= scelerata) Lager handelt«, meint in einem Brief vom 13. 8. 1986 der Archäologe Dr. Siegmar v. Schnurbein (Römisch-Germanische Kommission Frankfurt/M.).

Nun gibt es aber am Quellbach Schelle bei Hildesheim – zwischen Weser und Elbe, Saale und Rhein, 200 Meilen vom Taunus entfernt – den einmaligen Ortsnamen Schellerten , und zwar unmittelbar an einer alten Fernstraße, wie sie die Römer benutzt haben werden: an der B 1, unmittelbar dort, wo nach menschlichem Ermessen Drusus verunglückt und gestorben ist. Gehen wir davon aus, daß dieses Dorf Schellerten  (1244 Schelerthe , 1266 Scelerthe ) nach dem Bach Schelle benannt und unter Drusus schon vorhanden war, so kann es durchaus sein, daß die Römer beim Hören beider (!) Namen im Zusammenhang damit nach dem Tode des Drusus abergläubisch an Befleckung (= scelus) / befleckt (sceleratus) dachten. Sei es, daß sie die Schuld am Tode Drusus den Cheruskern, der germanischen Seherin an der Elbe, den unaufmerksamen Truppen bei Schellerten oder dem Drusus selbst zuschrieben oder dem Unglücksort selbst.

Man beachte hierzu, daß Velleius Paterculus, ein Zeitgenosse des Tiberius, zum Jahreswechsel 4/5 n. Chr. schreibt, Tiberius habe in Germanien am Ende (caput) des Flusses »Julia« überwintert und anschließend die Langobarden und Chauken bezwungen. Velleius dachte also beim Flußnamen Lupias (= Lippe) unwillkürlich gleich an die Julier, das Geschlecht des Julius Cäsar. Drusus hatte 11 v. Chr. am Zusammenfluß von Lupias  und Elison  ein Standlager von 300 mal 700 m Größe (= Anreppen) erbaut. Bei diesem »castellum Aliso(n)« wurde 15 n. Chr. ein »alter Drusus-Altar« vom Drusus-Sohn Germanikus wiedererrichtet (auf dem Abdinghof zu Paderborn). Frühestens Tiberius wird ihn 8 v. Chr. errichtet haben. Nachträglich hierzu könnte man erwägen, ob »Julia« statt der Lippe die Schelpe bei Selicasa war, ob Tiberius also in Corvey seine Winterresidenz hatte, nicht in Aliso.

Größenmäßig stimmt das ovale Kastell Aliso mit der Grundfläche von Schellerten überein. Sein Name rührt gleichfalls letztlich von einem Bachlauf her (der bei Elsen entspringenden Gunne) und blieb bis heute im Ortsnamen Elsen seit der Römerzeit erhalten wie Vetera (= Birten bei Xanten), ldistaviso (= Evesen bei Minden, wohl ursprünglich Haus des Idistav, Gustav) und Amaseia oppidum (= Embsen bei Bremen und Verden).

Es gibt Anzeichen dafür, daß Drusus auf dem späteren Platz eines von Karl dem Großen »mit allen Altären« zerstörten Diana-Idols in der Magdeburg westlich der ottonischen Pfalzaula einen Siegespfahl (tropaion) errichtet hatte (Grabung 1965) und daß Tiberius auf den Spuren des Drusus Baumaßnahmen in Paderborn, Hucxori/Selicasa(Corvey) und Bennopolis  (der Hildesheimer Domburg) veranlaßt hat. Germanikus landete jedenfalls 16 n. Chr. nicht in der Ems, sondern bei Embsen an der Unterweser und drang an die Westfälische Pforte bis in die Feldmark   Evesen = den campus Idistaviso  - und zum Angrivarierwall (bei Leese) vor.

Weitere Literatur


1 Dobbertin, H. : Zeitschrift Heimatland, 1986, Heft 6, S. 189-190.