Latein

Als der junge Sinclair, der Sohn des bedeutenden englischen Agronomen Sir John Sinclair, im Oktober 1806 Deutschland bereiste, wurden er und sein Begleiter, der gothaische Pastor Regel, auf dem Wege von Gotha nach Leipzig von den französischen Truppen aufgehalten. Ursache dieser Unterbrechung ihrer Reise waren ihre vom Herzog von Weimar unterzeichneten Pässe. Man wollte sie nicht weiterreisen lassen, ohne sie vorher vor den Kaiser geführt zu haben, und so mußten sie den Weg nach Gera einschlagen, wo Napoleon sein Hauptquartier hatte.

In Gera angelangt, führte man sie vor den Prinzen Murat. Dieser fragte sie besonders darüber aus, wo sich der Feldmarschall von Möllendorf befände. Der junge Sinciair teilte ihm mit, was er darüber wußte, und bat darauf um die Ausstellung seiner Pässe. Murat sagte, er könne sie ihnen ohne die Erlaubnis des Kaisers nicht geben, und er müsse sie von Napoleon selbst erbitten. Augenblicklich befände sich der Kaiser in Auma.

Noch ehe sich der junge Sinclair von seinem Erstaunen erholt hatte, schon so bald vor dem großen Mann stehen zu müssen, hatte Murat geschellt und dem Diener einen Befehl gegeben. Darnach trat ein Offizier in grüner Uniform ein.

«Graf», sagte Murat zu diesem, «hier ist ein junger Engländer, der bei unseren Vorposten aufgegriffen worden ist.»

Der Mann in der grünen Uniform wandte sich gegen Sinclair, richtete einige unbedeutende Fragen in englischer Sprache an ihn und sagte dann zu Murat. «Ja, ich sehe in der Tat, er ist ein Engländer.»

«Gut», erwiderte Murat, «da Sie sich nach Auma begeben, so nehmen Sie bitte diesen jungen Mann mit, damit ihn der Kaiser ausfragen kann.»

Der Offizier in der grünen Uniform war der bayrische Graf von Frohberg. Am nächsten Morgen kamen beide in Begleitung des Herrn Regel sehr früh in Auma an. Frohberg begab sich sofort zum Kaiser, der sie in einer Stunde zu sich befahl. Die Aufregung des jungen Sinclair bei dieser Nachricht war groß, aber Frohberg beruhigte ihn mit den echt soldatischen Worten: «Haben Sie nur keine Angst, der Kaiser frißt Sie nicht.»

Ein wenig beruhigter begaben sich die beiden Reisenden mit ihrem Begleiter nach dem Hause, wo der Kaiser wohnte. Bald befanden sie sich in einem mit Offizieren angefüllten Vorzimmer, wo man Vorbereitungen zur Frühstückstafel traf. Graf Frohberg öffnete eine Tür und forderte den jungen Sinclair auf einzutreten. In diesem Zimmer befand sich ein kleiner, mit einem Schlafrock bekleideter Mann, der noch die weiße Nachtmütze auf dem Kopfe hatte. Es war Napoleon. Neben ihm stand ein Offizier, der Marschall Berthier.

Sinclair verbeugte sich tief, ohne daß er jedoch wagte, die Augen zum Kaiser zu erheben. Dieser stand mit auf der Brust gekreuzten Armen da, in der einen Hand eine Kaffeetasse haltend. Nachdem er den jungen Mann aufmerksam betrachtet hatte, fragte er:

«Wer sind Sie?»

Sinclair erwiderte. «Sire, ich bin ein Untertan Seiner Majestät des Königs von England.»

«Wo kommen Sie her?»

«Von Gotha in Thüringen. Ich befand mich auf dem Wege nach Leipzig, als ich bei den Vorposten von Soldaten aufgehalten wurde, die mich nach Gera zum Prinzen Murat führten. Seine Hoheit hat mich hierhergeschickt, damit mich Eure Majestät ausfragen möchten.»

«Welchen Weg hatten Sie eingeschlagen?»

«Sire, ich war durch Weimar, Erfurt und Jena gereist, aber nur bis Gleinau vermochte ich mir Pferde zu verschaffen.»

«Was ist das, Gleinau?»

«Gleinau ist ein Dörfchen im Herzogtum Sachsen-Gotha.»

Nachdem er eine Weile geschwiegen, fuhr Napoleon fort:

«Bezeichnen Sie mir Ihren Weg auf dieser Karte.» Und dabei setzte er sich an einen Tisch, auf dem eine große Karte ausgebreitet lag. Berthier hatte an einem kleinen Tisch in einer Ecke des Zimmers Platz genommen und brachte die Angaben des jungen Sinclair zu Papier. Sinclair stand links vom Kaiser und der Graf Frohberg ihm gegenüber. Sobald Napoleon sich gesetzt hatte, stützte er sich mit den Ellenbogen auf den Tisch und sagte:

«Wann haben Sie Gotha verlassen?»

Sinclair konnte sich nicht sofort an den Tag seiner Abreise erinnern und rechnete in Gedanken nach. Diese kleine Pause machte den Kaiser ungeduldig, und er sagte übelgelaunt:

«Ich habe Sie nach dem Tag Ihrer Abreise von Gotha gefragt.» Glücklicherweise hatte der Engländer seine Berechnung beendet und konnte ihm Antwort stehen. Darauf betrachtete der Kaiser auf seiner Karte die Lage von Gotha und stellte eine Menge Fragen über die Stärke der Preußen, ihre Bewegungen usw. an den jungen Mann. Dann suchte er Erfurt auf und fragte ihn, ob er zwischen diesen beiden Städten Truppen in Bewegung gesehen habe. Er schien allem, was in Erfurt vorging, große Bedeutung beizulegen. Endlich fragte er, wie stark die Garnison der Stadt sei.

Sinciair antwortete, er habe noch keine Gelegenheit gehabt, sich darüber zu informieren.

«Sind Sie bei der Parade zugegen gewesen?» fragte der Kaiser weiter. Und auf die bejahende Antwort fuhr er fort: «Wieviel Regimenter waren es?»

«Sire, ich weiß es nicht. Der Herzog von Braunschweig befand sich dort, und er schien ebenso viele Offiziere wie Soldaten zu haben.»

«Ist Erfurt befestigt?»

Der junge Mann antwortete, er verstünde sich sehr wenig auf Befestigungen.

«Hat Erfurt eine Zitadelle?»

Sinclair hatte in dieser Beziehung einige Zweifel, aber in seiner Angst, eine neue negative Antwort möchte verdächtig sein, antwortete er kühn. «Ja.»

Nachdem Napoleon ihn gefragt, ob er einige Beobachtungen auf dem Wege von Erfurt nach Weirnar gemacht habe, erkundigte er sich aufs genaueste über die letzte Stadt, über die Anzahl der dort befindlichen Truppen, über die vermutlichen Pläne des Herzogs usw.

Als Sinclair von Jena sprach,konnte Napoleon nicht sofort die Stadt auf der Karte finden, und der junge Mann bezeichnete ihm mit dem Finger den Ort, wo Napoleon bald einen der glänzendsten und entscheidendsten Siege davontragen sollte. Dann fragte der Kaiser, wer Jena befehligte, wie groß die Garnison sei und stellte ähnliche Fragen über Gleinau usw.

Nachdem er aufmerksam die Antworten des Engländers angehört, betrachtete er ihn nochmals sehr aufmerksam, ohne jedoch eine Frage über seine Familie und seine soziale Stellung an ihn zu richten. Plötzlich sagte er:

«Was beweist mir die Wahrheit Ihrer Antworten? Im allgemeinen reisen die Engländer nicht zu Fuß und ohne Diener und in einem solchen Aufzug.»

Sinclair war in der Tat mit einem alten Überrock bekleidet und hatte eine sehr grobe braune Decke umgehangen, deren er sich als Reisedecke bediente.

«Allerdings, Sire», antwortete er, «mein Verhalten mag ein wenig seltsam erscheinen, aber höhere Umstände und die Unmöglichkeit, mir Pferde zu verschaffen, zwangen mich dazu. Ich habe übrigens Briefe bei mir, die die Wahrheit meiner Behauptungen beweisen können.»

Bei diesen Worten zog er aus der Tasche seines alten Rockes ein paar Briefe älteren und neueren Datums hervor und reichte sie dem Kaiser. Dieser schob sie lebhaft dem Grafen Frohberg zu, damit dieser sie lese. Graf Frohberg überflog sie und sagte darauf:

«Diese Briefe, Sire, sind von keinerlei Bedeutung und ganz privater Natur. Zum Beispiel schreibt der Vater des Herrn Sinclair, er hoffe, sein Sohn lerne, nachdem er in England Griechisch und Lateinisch gelernt, ebensogut Französisch und Deutsch während seines Aufenthaltes auf dem Kontinent.»

Da huschte ein Lächeln über die Lippen des Kaisers, und unvergeßlich war der Ausdruck der Güte, mit dem er sagte: «Ah, Sie haben Griechisch und Lateinisch gelernt? Welche Schriftsteller haben Sie gelesen?»

Über diese unerwartete Frage ein wenig erstaunt, nannte Sinclair Homer, Thukydides, Cicero und Horaz. Worauf der Kaiser erwiderte:

«Es ist gut, sehr gut!» Dann sich gegen Berthier wendend:

«Ich glaube nicht, daß dieser junge Mann ein Spion ist; aber der andere ist vermutlich weniger unschuldig, und er wird sich ihm nur angeschlossen haben, um den Verdacht von sich abzulenken.»

Darauf neigte er leicht den Kopf, um Sinclair anzudeuten, daß er entlassen sei. Dieser grüßte und zog sich ins Vorzimmer zurück, worauf Regel vorgelassen wurde.


Quelle: Interview of Napoleon an the young Sinclair. In: The Representative,übernommen in "Gespräche mit Napoleon" von Friedrich Sieburg, Hrsg., dtv Dokumente 94, München 1962