Latina Andreana I

Ovidius: Metamorphoses II 19 ff (Phaethon)

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Dorthin auf steigendem Steg Clymenes Sohn sich begibt nun,

klettert hinauf und betritt den Palast des vermeintlichen Vaters,

nähert sich suchenden Schritts der väterlichen Erscheinung,

zögert, da nicht imstande noch näheres Licht zu ertragen.

Eingehüllt im Purpurgewande sass auf seinem Throne

Sonnengott Phöbus im leuchtenden Glanz von klaren Smaragden.

Rechts von ihm und links der Tag, die Monde, der Jahrgang,

Lebensabschnitte auch und an gleichen Plätzen die Horen:

Da stand ein Frühlingskind gekrönt mit blühenden Kränzen,

eine im Sommerkleid, die führte gebundene Ähren,

das stand ein Herbstesknecht bespritzt von getretenen Trauben,

schließlich ein Wintergreis verwühlt die struppigen Strähnen.

Mitten an diesem Ort, der beeindruckt den zögernden Jüngling,

sieht ihn der Sonnengott an mit Augen, die alles erblicken.

„Welches Begehr führt des Weges dich her, was in diesen Mauern

suchst du, mein Sohn Phaeton, beim nicht dich verleugnenden Vater?“

Jener entgegnet: “0 leuchtendes Licht unermesslicher Welten,

Phöbus mein Vater, wenn dies Attribut du erlaubst zu gebrauchen

und nicht mit falschem Schein Clymene ihr Vergehen verdeckte,

gib mir, Erzeuger, Beweis, dass glaublich ich Wahres behaupte

und nimm jeden Zweifel hinweg von unseren Seelen!“

Sprachs und der Vater entfernt den funkelnden Glanz seines Hauptes

und befiehlt seinem Sohn, doch näher heranzutreten,

ihn umarmend er spricht: „Dich darf ich als mein nicht verleugnen

und Clymene verriet dir Wahres von deiner Herkunft.

Doch dass Dein Argwohn vergeht, erbitte dir nur eine Gabe,

die ich erfüllen kann! Für dies Versprechen sei Zeuge

jener beschworene Schlund, der selbst meinen Augen verborgen.“

Kaum er geendet, erbittet der Sohn den Wagen des Vaters

und einen Tag die Erlaubnis zu führn die geflügelten Pferde.

Reue erfasst den schwörenden Vater, der dreimal und viermal

schlägt sich das leuchtende Haupt und erklärt: „Du hast etwas Schlimmes

aus der Verheißung gemacht. Ach könnte ich doch widerrufen

vorschnellen Schwur! Ich gesteh, den würde dir, Bub, ich verweigern.

Abzuraten, das geht: Dies ist ein gefährlich Begehren!

Großes ersehnst du, Phäton, und Geschenke, die weit überschreiten

deine vorhandenen Kräfte und deine so kindlichen Jahre.

Sterblichkeit ist dein Geschick und Sterbliches nicht, was du forderst!

Mehr erstrebst du auch, als Höheren zukommen könnte,

Ahnungsloser du, ein jeder soll selbst sich genügen;

denn auf dem feurigen Ross kann keiner sich sicher behaupten,

ich bin die Ausnahme! Auch der Lenker des weiten Olympus,

der mit schrecklicher Hand verschleudert die zuckenden Blitze,

fährt diesen Wagen nicht: Und was könnte Zeus übertreffen?

Steil ist der Anfang des Wegs und selbst von den frichen Pferden

kaum zu ersteigen; und dann von der höchsten Stelle des Himmels

Meer und Länder zu sehen mir selbst bereitet Beklemmung

und in beklommener Angst erzittert der ganze Körper.

Jäh ist das Ende des Wegs und erfordert die sichere Lenkung;

Schließlich, wenn sie mich empfängt in den unter ihr liegenden Wellen,

Tethys auch selbst immer bangt, dass kopfüber ich könnte zerschellen.

Kommt noch hinzu, dass der Himmel vorbeizieht in ständigem Wirbel

und die höchsten Sterne bewegt in schneller Umdrehung.

Dagegen stemm ich mich, damit mich der Fahrtwind nicht umwirft,

und dreh im Gegenlauf zum Weltkreis die andere Kurve.

Angenommen du fährst, was tust du, wie kannst du erreichen,

zwischen den drehenden Polen die Linie nicht schnell zu verlieren?

Möglicherweise erwartest du auch, dass dort sich befinden

Stätten und Städte der Götter, Gebäude, die reich an Geschenken?

Widrigkeit säumet den Weg und Sternbilder grässlicher Bestien,

dennoch den Weg halte fest und Irrtum darf nicht dich verführen,

du musst die Hörner passieren des zugewendeten Stieres,

Bug vom Argiverschiff und die Schnauze des schnaubenden Löwen,

den Skorpion, der in wilder Umdrehung die Fänge entfaltet,

und den in nächtlicher Richtung sich windenden Wassermann.

Dir fällt es sicher nicht leicht, die Vierhufer mit ihrem Feuer,

das in der Brust sie entfachen und fauchen durch Maul und Nüstern,

schnell und richtig zu führen, wo mich schon kaum sie ertragen,

wenn erst ihr Feuer entfacht und der Nacken verweigert die Zügel.

Du aber hüte dich, dass nichts ich dir Schädliches schenke,

und mein Junge, solang es noch geht, korrigiere dein Votum!

Möglich, dass für die Vermutung, aus unserem Blute zu stammen,

sichre Beweise du suchst? Ich bringe Beweis durch die Sorge

und meine Vaterfurcht, wie nur sie ein Vater empfindet.

Sieh mein Gesicht, wenn schon du kannst nicht ins Herze mir blicken

und tief im Innersten des Vaters Befürchtung erfahren!

Sieh schließlich um dich herum, welch Reichtümer hat unser Erdbal1

und von Gütern des Himmels, der Erde und auch des Meeres

fordre so viel und so groß, ich werde dir keines verweigern!

Dringend erlass mir nur eins, was Strafe ist und keine Ehre:

Ja, Phäton, wirklich ist Strafe, was als Geschenk du erstrebest!

Was meinen Hals, du Tor, umfährst du mit schmeichelnden Armen?

Zweifle nicht, dass ich zedier — wir schworen bei Stygias Wellen —

was auch immer du wünschst, du musst nur Vernünftiges wünschen!“

So den Appell er beschloss. Doch jener verwirft das Gesagte,

wischt die Warnung hinweg und entbrennt in Gier auf den Wagen.

Also, nachdem so lange der Vater gezögert hatte,

führt seinen Sohn er hin zum hehren Geschenk des Vulkanus.

Golden war schon das Gestell und golden die Deichsel, die Felgen

sämtlicher Räder von Gold und von Silber die Staffel der Speichen.

Auf dem Joch Edelstein, aneinandergereihete Perlen,

die im Widerschein Phöbus' leuchtendes Licht reflektieren.

Während im Hochgefühl Phaeton noch das Kunstwerk bewundert,

siehe da öffnet die Wächtrin Aurora im glänzenden 0sten

purpurne Flügeltürn und die Vorhallen wuchernder Rosen:

Sterne vergehn, deren Haufen noch eben der Lucifer führte,

und aus der Öffnung des Himmels der neueste Tag geht hervor.



Als den die Erde berührn und den Himmel sich röten sah,

ferner die äußersten Spitzen der Mondsichel dort verschwinden,

scheucht der Titan die Horen, die Pferde jetzt anzuschirren.

Just wie befohln so befolgt, die führten die vierhufgen Gäule,

feuerspeiend und satt vom Saft aus erhabenen Krippen,

eilends heran und zäumten sie auf mit klirrenden Zügeln.

Dann salbt der Vater dem Sohn das Gesicht mit ambrosischen Ölen

und macht es so resistent gegen sengende Sonnenstrahlen,

setzt ihm aufs Haar den Strahlenkranz und aus ängstlicher Seele,

ringt sich erneut ein Trauriges fürchtender ahnender Seufzer:

„Folgtest, mein Junge, du bloß dem folgenden Rat deines Vaters:

Halte die Knute im Zaum und kräftiger nutze die Zügel!

Vorwärts sie traben allein, man muss an der Hetzjagd sie hindern.

Meid den gefälligen Weg direkt durch die fünf Hemisphären,

Seitwärts wird er begrenzt durch eine geräumige Krümmung,

reichen drei Sphären dir schon, so kannst du am End dich erwehren

südlicher Polregion und der nördlichen Winde des Bären.

Ob so der Weg, das findst du belegt durch die Spuren der Räder.

Und dass du Himmel und Erde in gleicher Erwärmung kannst halten,

lenk das Gefährt nicht zu tief und auch nicht zu hoch durch die Lüfte!

Fährst du zu hoch hinauf, so verbrennst du die himmlischen Dächer,

fährst du dagegen zu tief, die irdischen: Sichre die Mitte!

Fährst du zu weit nach rechts, so wirst du verschlagen zum Drachen,

fährst du zu weit nach links, so drückt dich das Rad zum Altare:

Halt zwischen beiden dich! Den Rest überlass ich Fortuna,

die, wie ich wünsche, dir hilft und dir mehr als du selber kann raten.

Während ich rede, versinkt die neblige Nacht schon im Westen

hinter dem Horizont. Uns bleibt keine freie Minute.

Wir müssen los, sonst vertreibt Aurora die flüchtigen Schatten.

Packe die Zügel behend! Und wenn dir noch Zweifel im Herzen,

dann so benutz meinen Rat und nicht meinen rollenden Wagen!

Wenn du noch kannst und solange du stehst auf sicherem Boden

wenn das verwünschte Gefährt noch fern den nicht kundigen Händen,

sieh dich als sicher an und lass mich die Länder erleuchten!“

Aber mit kindlichem Schwung bemächtigt sich der der Kalesche,

reckt sich empor und genießt, mit Händen zu greifen die Zügel,

die er soeben mit Dank vom sich sträubenden Vater empfangen.

Unterdessen ertönt von allen geflügelten Pferden:

Sonnenpferd Pyrois, Eos, Aethon und als viertem dem Phlegon

feuriges Wiehern und Hämmern der Hufe dem Schlagbaum entgegen.

Als diesen nun Tethys, vom Schicksal des Enkels nichts wissend,

wegzieht und damit eröffnet die Weite des herrlichen Himmels,

packen den Weg sie an und teilen mit wirbelnden Hufen

die ihnen durch die Lüfte entgegenziehenden Wolken,

sind mit erhobenen Flügeln noch schneller als östliche Winde.

Doch seine Last war zu leicht und das konnten sie nicht erkennen,

Pferde des Lichts, deren Joch des gewohnten Gewichtes entbehrte.

Wie ohne rechten Ballast die Schiffe zu schaukeln beginnen,

um ohne Sicherheit ein Spielball des Meeres zu werden,

so ohne übliche Last der Wagen schnellt in die Lüfte,

wird in die Höhe gerissen und gleicht einem Geisterfahrzeug.

Kaum sie das hatten gespürt, da fing das Gespann an zu zerren,

bricht aus der sichtbaren Bahn und läuft nicht in früherer Ordnung.

Jener bekommt's mit der Angst und weiß nicht die Zügel zu halten,

weiß nicht den Weg und, wenn er ihn wüsste, die Pferde zu lenken

Erstmals erglühen da in Wärme die starren Trionen

und übersehn das Verbot, im Meere sich abzukühlen.

Auch die dem eisigen Pol am nächsten gelegene Schlange,

vorher in Kälte erlahmt und niemandem jemals bedrohlich,

wärmte sich auf und geriet durch die Hitze in neue Erregung,

und auch dich, Bootes, erregt, beide mahnen zu fliehen,

wenn du auch zaghaft bist und deine Gespann dich zügeln.