Latina Andreana I

Napoleon

Napoleon bei Jena 1806 Anlässlich der Napoleon-Ausstellung im Roemer-Pelizäus-Museum …

Im Oktober 1806, kurz vor der Schlacht bei Jena und Auerstedt, verhafteten Vorposten der französischen Armee zwei Wanderer auf dem Wege von Gotha nach Leipzig: den schottischen Studenten John Sinclair of Ulbster junior und meinen Urururgroßvater Friedrich Ludwig Andreas Regel, nach Aufenthalt in Livland und St. Petersburg seit Kurzem Lehrer und Garnisonsprediger in Gotha. Wegen ihrer vom Herzog von Weimar unterzeichneten Pässe verdächtigte man sie der Spionage und brachte sie ins Hauptquartier der französichen Truppen nach Gera, wo sie vom Prinzen Murat und dem bayrischen Grafen von Frohberg verhört wurden. Der Graf brachte sie noch in der selben Nacht nach Auma zum Kaiser und zu Marschall Berthier. Napoleon, noch im Schlafrock und mit Nachtmütze, befragte zunächst Sinclair zu allerlei militärisch relevanten Dingen.

Sir John Sinclair of Ulbster, Vater

»Was beweist mir die Wahrheit Ihrer Antworten? Im Allgemeinen reisen die Engländer nicht zu Fuß und ohne Diener und in einem solchen Aufzug.«

Sinclair war in der Tat mit einem alten Überrock bekleidet und hatte eine sehr grobe braune Decke umgehangen, deren er sich als Reisedecke bediente.

»Allerdings, Sire«, antwortete er, »mein Verhalten mag ein wenig seltsam erscheinen, aber höhere Umstände und die Unmöglichkeit, mir Pferde zu verschaffen, zwangen mich dazu. Ich habe übrigens Briefe bei mir, die die Wahrheit meiner Behauptungen beweisen können.«

Brief von John Sinclair sen.

Bei diesen Worten zog er aus der Tasche seines alten Rockes ein paar Briefe älteren und neueren Datums hervor und reichte sie dem Kaiser. Dieser schob sie lebhaft dem Grafen Frohberg, der des Englischen mächtig war, zu, damit dieser sie lese. Graf Frohberg überflog sie und sagte darauf:

»Diese Briefe, Sire, sind von keinerlei Bedeutung und ganz privater Natur. Zum Beispiel schreibt der Vater des Herrn Sinclair, er hoffe, sein Sohn lerne, nachdem er in England Griechisch und Lateinisch gelernt, ebensogut Französisch und Deutsch während seines Aufenthaltes auf dem Kontinent.«

Friedrich Ludwig Andreas Regel, Professor und Garnisonsprediger in Gotha, 1770 - 1826

Da huschte ein Lächeln über die Lippen des Kaisers, und unvergesslich war der Ausdruck der Güte, mit dem er sagte: »Ah, Sie haben Griechisch und Lateinisch gelernt? Welche Schriftsteller haben Sie gelesen?«

Über diese unerwartete Frage ein wenig erstaunt, nannte Sinclair Homer, Thukydides, Cicero und Horaz. Worauf der Kaiser erwiderte:

»Es ist gut, sehr gut!« Dann sich gegen Berthier wendend:

»Ich glaube nicht, dass dieser junge Mann ein Spion ist; aber der andere ist vermutlich weniger unschuldig, und er wird sich ihm nur angeschlossen haben, um den Verdacht von sich abzulenken.«

Darauf neigte er leicht den Kopf, um Sinclair anzudeuten, dass er entlassen sei. Dieser grüßte und zog sich ins Vorzimmer zurück, worauf Regel vorgelassen wurde.


J. R., unter Verwendung der "Gespräche mit Napoleon" von Friedrich Sieburg und Material der National Agricultural Library, Beltsville.