Latina Andreana I

Titius Lucretius Caro: De rerum natura, I 233 ff, Deutsch

[la] Zum lateinischen Text

  1. A11es müsste bereits, vergänglich wie es nun wäre,
  2. in unendlicher Zeit und vergangenen Tagen verbraucht sein.
  3. Wären die Stoffe jedoch in Raum und Zeiten vorhanden,
  4. aus denen alles besteht und später sich wieder aufbaut
  5. nun dann sind sie gewiss von unvergänglichem Wesen.
  6. Und sie könnten danach zu Nichts nicht wieder zerfallen.
  7. Schließlich würd' jegliches Ding durch ein und dieselbige Grundkraft
  8. gänzlich kassiert, falls nicht existiert der ewige Grundstoff,
  9. der durch den Kontakt das mehr oder minder verhindert:
  10. Schon die Berührung wäre genug als Begründung des Todes.
  11. Wenn daher nichts erhalten bliebe vom ewigen Grundstoff,
  12. müsste sich ihre Verbindung durch jegliche Einwirkung lösen.
  13. Jetzt aber da bestehn für alle die Elemente
  14. differenzierter Kontakt sowie ein ewiger Grundstoff,
  15. bleiben die Dinge, solange im eigenen Wesen gesichert,
  16. bis eine Kraft mit Stärke es schafft, dem Gewebe gewachsen.
  17. Niemals daher rinnt irgend dahin zu Nichts eine Sache,
  18. alle dagegen durch Trennung zerfalln in die Teile des Urstoffs.
  19. Schließlich verrinnen die Regenfälle, wo sie Vater Äther
  20. in Mutter Erdes fruchtbaren Schoss hat stürzen lassen:
  21. Aber funkelnde Früchte entstehn, die Bäume ergrünen,
  22. wachsen nun selber heran und sind mit Erträgen beladen;
  23. davon ernährt sich fortan das Geschlecht der Menschen und Tiere;
  24. davon sehen wir fröhliche Städte mit Jugend florieren,
  25. Laubwälder widerhalln überall vom Gesang junger Vögel;
  26. hier legt ermüdetes Vieh gesättigt von reichlichem Futter
  27. sich zur Ruhe und Milch entfließt den strotzenden Eutern;
  28. hier spielt das Kalb auf wackligem Bein belebt von den Gräsern
  29. einen Säufer von Milch, der die jungen Sinne verloren.
  30. Nichts demnach in Gänze vergeht, was immer wir sehen,
  31. weil die Natur stets wiederbelebt das eine von anderen
  32. und keine Sache entstehen lässt ohne Tod einer andern.
  33. Auf denn! Nachdem ich gelehrt, dass nichts aus nichts kann entstehen
  34. und wiederum das Geschaffene nicht zu nichts kann verschwinden,
  35. dass du jedoch nicht zu zweifeln beginnst an diesem Gesagten,
  36. weil die Augen nicht sehen können den Ursprung der Dinge
  37. Nimm daher ferner an, dass nötig gewiss Elemente
  38. Dingen du zuordnen musst, die nicht können gesehen werden.
  39. Erstens: die Wucht des Windes zerwühlt die bewegten Wasser,
  40. mächtige Schiffe versenkt er und wälzt die Wolken;
  41. zwischendurch mit wechselndem Wirbel durchpflügt er die Felder,
  42. deckt sie mit riesigen Bäumen zu und die höchsten Gebirge
  43. schleift er mit wirbelndem Windbruch; und also wütet der Wind
  44. wütet und tobt mit verletzendem Lärm und drohendem Donner.
  45. Zweifelsfrei sind also Winde, dem Auge entrückt, Elemente,
  46. welche das Meer, das Land und schließlich die Wolken bewegen
  47. und mit plötzlichem Wirbel das Aufgewühlte zerreißen.
  48. Nicht auf andere Art durchfluten sie Unheil verkündend
  49. wie wenn beschaulicher Bach zum reißenden Strome sich wandelt,
  50. der durch Regen vermehrt aus hohen Bergen herabstürzt,
  51. Brüche von Forsten treibend und ganze Waldungen auch;
  52. starke Brücken ertragen nicht die Gewalt des Wassers;
  53. so von Hagel getrübt stürmt mächtig er gegen die Dämme,
  54. stürzt sie mit Lärm hinab und wälzt unter seinen Gewässern
  55. große Steine dahin und das was den Fluten im Wege.

Übersetzung © Dr. Christoph Ottow, Kalenberger Graben 3, 31134 Hildesheim , 2016-06-05