Latina Andreana I

Titius Lucretius Caro: De rerum natura, I 146 ff, Deutsch

[la] Zum lateinischen Text

  1. Durchaus ist es gewiss, nicht dass des Geistes Schrecken und Schatten
  2. durch die Strahlen der Sonne, die Leuchtraketen des Tages
  3. werden zerstreut, sondern nur durch natürliche Klarsicht und Klugheit.
  4. Deren Prinzip vermittelt uns den folgenden Grundsatz:
  5. Niemals entsteht eine Sache aus Nichts, nicht durch göttliche Fügung;
  6. denn ihre eigene Furcht hält alle Menschen gefesselt,
  7. da sie ja allerlei auf Erden, am Himmel befürchten,
  8. deren wirkenden Grund sie nicht zu verstehen vermögen,
  9. dass sie glauben, durch göttliche Gunst sei dieses entstanden.
  10. Haben wir aber gesehen, dass nichts aus nichts kann entstehen,
  11. werden, wonach wir forschen, wir umso klarer erkennen,
  12. wo und wie alles entsteht auch ohne Hilfe der Götter.
  13. Wenn jedoch aus Nichts die Dinge könnten entstehen,
  14. könnte jedes Geschlecht auch ohne Samen erwachsen,
  15. aus dem Meer könnten Menschen, aus Scholle die schuppigen Fische,
  16. vom Firmament die beflügelten Vögel könnten sich formen.
  17. Herden- und häusliches Vieh und jede Art von Raubtier
  18. würden woher auch immer Wälder und Wüsten bewohnen.
  19. Nicht dieselbigen Früchte würden die Bäume erbringen,
  20. sondern mutierende, wenn alle sie austragen könnten.
  21. Wenn nicht mehr jegliches Ding den eigenen Samen besäße,
  22. wer könnte da den Dingen die sichere Abkunft bestimmen?
  23. Nun da jegliches Ding aus gesichertem Samen erzeugt wird,
  24. wird es nur ausgebor'n und erreicht die Linie des Lichtes,
  25. wo die Materie drin und die ersten Körner vorhanden.
  26. Und so kann es nicht sein, dass alles aus allem entstehe,
  27. weil in bestimmten Dingen bereits die verborgne Begabung.
  28. Ferner, warum sehafft Lilien der Lenz, die Säfte der Sommer,
  29. strotzende Trauben im Herbst sind hangend am Weinstock zu sehen,
  30. weil wenn zur richtigen Zeit die Stoffe zusammengeflossen,
  31. unter der Witterung Wohl sowie der belebenden Böden
  32. sicher die zarten Keime das Licht der Sonne erblicken?
  33. Käme das alles aus nichts, so würden sie plötzlich entstehen
  34. ohne bestimmte Distanz und zu fremden Jahreszeiten;
  35. denn es fehlte das Ordnungsprinzip, das sie hindern könnte
  36. an einem Zeugungsakt zu ungehörigen Zeiten.
  37. Auch nach Vereinigung bedürften nunmehr die Dinge
  38. keinerlei Wachstums, wofern aus nichts sie heranwachsen könnten;
  39. plötzlich würden aus niedlichen Nesthockern jagende Jünglinge,
  40. schössen hervor aus brachenem Boden wuchernde Wälder.
  41. Dass davon nichts geschieht, ist doch unmissverständlich, wie alles
  42. später allmählich erwächst, wie's Art ist aus eigenem Samen
  43. und im Wesen bewahrt, so dass du hieraus erkennest:
  44. Jedes erwachse und nähre sich nur aus eigenem Grundstoff.

Übersetzung © Dr. Christoph Ottow, Kalenberger Graben 3, 31134 Hildesheim , 2016-06-05