Latina Andreana I

Lied vom Sachsenkriege

Zum lateinischen Text

Übersetzung © 2000 Dr. Christoph Ottow, Hildesheim


Von König Heinrichs des Vierten Kämpfen gegen die Sachsen
will ich erzählen, deren Stamm seine Rechte negierte
und um zu einen die sinkenden Kräfte durch männliche Stärke
viele Kriege begann im Vertrauen auf Listen und Waffen.
Gütiger Gott, so stehe mir bei, die so sehr verborgen
Gründe aufzutun; dieser Stamm durch Leiden verletzt
und diese fürchtend erregte so viele Leidenschaften
jedweder Ehrfurcht zuwider gegenüber dem König,
dessen Joche zu tragen selbst fremde Tyrannen sich freuen
und dem sich straflos noch nie entgegenstellte ein Fremding.
Bisher hatte das wilde Volk sich den laxen Befehlen
des jungen Königs entzogen und ihn nicht gefürchtet,
konnte nicht Falsches vom Recht nicht, ungleich von gleich unterscheiden
wonach ihm grad der Sinn, verfolgte jeder von ihnen;
plünderten Kirchen und nahmen den Witwen das Hab und Gut,
unterdrückten die Waisen, die harte Erziehung genossen;
nur das Glück bewahrte den Armen genügendes Erbe;
mehr verdarb, wer mehr erwarb, kein Recht ihn beschränkte,
Unrecht und Recht war für jeden von ihnen die eigene Willkür.

Als der König jedoch die Jugend mit Tugend besiegte,
zog die Zügel er an, die lax dieses Volk nur umgaben:
Recht und Gesetz verkündete er, hielt alles zusammen,
Kirchen und Witwen und Armen erstattet er alles Geraubte,
und fortan tat niemand mehr einen straflosen Raubzug.
Während das stolze Volk also diese Kandare erduldet,
leidet es tief und fürchtet sehr, daß Strafe erfolge
auf jedes große Delikt, zugleich jedoch wider den König
kräftig und listig bemüht; so entwickelt sich jede Erregung,
Kommen die Gründe zum Krieg daher mit erhobenen Fahnen.
Listig verschworen kommt nun das Volk in einem zusammen,
aufgewiegelt durch täuschenden Rat über eigene Kräfte
wählt aus der ganzen Zahl drei redebegabte Gesandte,
die die eigenen Wünsche dem König vortragen sollten.
Diese Gesandten machen sich auf zu des Königs Behausung.
Als sie eingetreten ward es ein Ort der Verhandlung,
unter ihnen als größter erschien an Worten und Waffen
Meginfried, der so formulierte die Worte der Sachsen:

König! Der Tugenden und des Reiches würdiger Erbe
Deines Vaters und Ahn! Konträr zu unsern Verdiensten
hielten das meiste wir aus, Dir jetzt und immer ergeben.
Jene Gewalt, die gewöhnlich in andere Teile der Erde
bringen sie jetzt zu uns: Beliebige Waisen und Fremde
halten die Hiesigen ab vom Nutzen der heimischen Wälder,
wühlen das Weideland auf, verjagen das große und Kleinvieh,
drängen die Erben davon und nehmen die Güter gewaltsam;
Umfang und Art von ihnen getan bereitet uns Unrecht.
Drum, frommer Herr, so bremse fortan und beheb das Geschehne:
Gib uns Gesetze zurück und der Heimat verlorene Rechte!
wo und wann immer Du rufst, gern folgen wir Deinen Befehlen!"

Auf diesen Vortrag erhielt er folgende Antwort des Königs:
"Ich behebe, so Ihr Verdiensten zuwider geduldet,
niemand vergeblich beklagt sich bei mir als wertem Beschützer.-.
Was Ihr soeben beschreibt, kein Unrecht ist noch ein Verbrechen.
Eure Gesetze will nicht noch Rechte ich je untergraben,
wenn die Armen gelitten, verlang ich das Raubgut zurück.
Würden dennoch Beschwerden Eures Stammes verbleiben,
sollen die Fürsten des Reichs bei mir sich in Treue versammeln;
deren Ratschlag zur Sache will ich dann gern unterstützen."

Dieses Wort überbrachten die Boten derweil ihren Lagern,
doch in das Unglück stürzt sich das Volk zum Kriege entschlossen,
nicht nur die Reichen, sie wüteten arg, sondern auch die Verarmten,
jene, daß nicht sie verlören das meiste geraffte Vermögen,
diese voll Hoffnung, die Armut durch Beutebesitz zu besiegen.
Jeder eilt, mit der Faust sein heimisches Recht zu erstreiten.
Als er dieses vernahm, bestärkt es den König zu kämpfen,
jedweden Sachsen befiehlt er, zu sich nun herbeizuzitieren
in der Voraussetzung, daß er ihn und sein Heil unterstütze.

Argloser menschlicher Geist, nur Gegenwärtiges siehst du,
wieviel Leid miedest du, wenn Vorsicht dein Leben bestimmte!
So hätten sie sich beglückt, wenn Königsbefehlen sie folgten;
sie mißachtet zu haben,bringt Leid und weiterhin Leiden.

Da der König geahnt, daß kein Gerufner werd kommen,
legt er in sechs durch vielerlei Bollwerk befestigte Lager
Hilfstruppen hin und ergänzt auch den Vorrat zu Leben noch reichlich.
Um nicht selbst eine Schar gegen all die Verschwörer zu führen,
entfernte er sich, um Waffen und lilänner schnell zu versammeln.

Doch das sächsische Volk, nach Abzug des Herrn optimistisch,
löste nun Recht und Gesetz, Behörden und jegliche Sitten;
früher ihm streng untersagt häuft freudig es jetzt die Trophäen:
Nonnen und Witwen, Waisen und jedweder Fremdling im Land,
eben noch frei von Gewalt, sind wieder dem Leid unterworfen.
Offen verüben jetzt finstre Gestalten nun Raub und Zerrüttung.
Ebenso kreisen derweil die Königslager sie ein,
die anvertraut wurden den hilfsmilitärischen Truppen.
Hennenburg schien ihnen anfangs am leichtesten zu überwinden,
greifen es an und werfen's in blutigen Kämpfen darnieder.
Denn die tapfern und kriegserfahrenen Herren des Lagers
wären noch unbesiegt.

Dies also auf dem Bergesgipfel gelegene Lager
zingelten dreitausend Leute ein in nächtlicher Stille.
Kaum brach Tageslicht an, so stürmten mit höchsten Kräften
sie den Berg hinauf, einander in Hast überbietend,
feindliche Pfeile mit schützenden Schilden von sich weisend.
Überall dichtgedrängt besetzen sie eilends den Steilhang,
rechts den Gang unterstützend, links die Waffe in Händen.
Schon den Aufstieg geschafft und nahe dem Walle gekommen
sehen sie starke Feinde entgegenkommen von oben,
alle in voller Montur mit Kriegsgeräten gerüstet.
Nähergekommen erhob sich ein großes Geschrei beider Seiten,
durch die Geschossen von fern vergrößern sich allseits die Wunden.
Als auch die Schwerter gezückt, ergab sich ein trauriger Anblick;
ohne Verzug und Erholung zerschlugen die besseren Krieger
aus dem Lager heraus das Volk in die Flucht und von dannen,
waren von Wunden gezeichnet und außer sich vor Erregung.
Die am Bollwerk des Lagers bisher gestanden hatten,
suchten nun auch den Kampf, um Partner des Sieges zu werden.
Welche stürmten mit eisernen Stangen gegen die Feinde,
andre mit Steinwurfmaschinen; einzelne streckten die Feinde
mit den Pfeilen von balearischen Armbrüsten nieder.
Das durch die Feinde besiegte Volk mußt elend nun fliehen.
Denn die meisten fieln auf der Flucht beim Abstieg zu Boden,
starben, weil ihre Körper durch eigne Geschosse durchbohrt warn.

Wildes sächsisches Volk, warum faßt du nicht Zeichen wie dieses?
Sieh doch das deutlich erscheinende Mahnmal baldiger Abfuhr!
Denn schon wenige schlugen die Tausend im ersten Gefechte.
Doch weil bewahren nicht ließ sich des Untergangs schlimme Erfahrung
standest erneut du auf und ruhtest nicht als das besiegte.
Also umzingelt ein Pfalzgraf, der einzige unter den Sachsen,
mittels sechstausend vereinten Bewaffneten just dieses Lager
und erwirkte dadurch eine weitre Verlängrung des Krieges,
hoffend durch Not zu erobern, was nicht mit dem Schwert er erreichte.
Dieses ordnet er an, als keinerlei Fortschritt er spürte,
suchte die Ersten des Lagers durch Schmiergelder zu bewegen,
welche bedeuteten einen Wechsel der nobelen Sitten.
Während er ihnen geheim viel gab und viel mehr noch gelobte
bei Unterwerfung des Lagers, verdarb er ihre Gemüter,
daß sie für Geld dessen Freigabe schändlich bewirkten.
Was bist du gierig nach Gold, du pflichtenvergessener Krieger?
Gibst du für Geld die Ehre, wirst dafür den Lohn du erhalten;
was du als Preis vergibst, wirst wieder zurück du empfangen,
wenn du abwägen willst, wird wahnsinnig dir es erscheinen.
Nicht nur Steine des Lagers, nicht Holz allein hast du gegeben;
wohlfeil nimmst du als Preis und gibst was allen das Liebste,
was du immer entbehrst, sein Besitz bereichern dich würde.
Treulos kämpfst du, Soldat, und treulos vergiltst du Vertrauen.
Anders als du jedoch bewahren ihr Lob durch die Zeiten
jene dreihundert Mann, denen anvertraut wurde die Harzburg,
von ihrer Taperkeit künden in ferneren Zeiten
schaffen Idole, wenn Heldenlieder nur etwas vermögen.