Latina Andreana I

Vergil: Aeneis, Laokoons Ende, I 2,199 - 205

Übersetzung © 2002 Dr. Christoph Ottow, Hildesheim

Hier etwas Größeres noch und grässlicher anzusehen

stellt sich uns Elenden dar und verwirrt die erschreckten Gemüter

Laokoon, durch Los dem Neptun zum Priester erkoren,

weiht den gewaltigen Stier am festlich geschmückten Altare.

Da von Tenedos her zwei Schlangen durch stille Gewässer

- oh ich erzähl es mit Graun - in unermesslicher Windung

stürzen aufs Meer hinaus und erkämpfen zugleich sich das Ufer;

ihre Körper sind aufgebäumt und die blutigen Kämme

walln aus den Wellen empor, derweil ihr übriger Körper

hinten die Flut durchpflügt mit riesigen rollenden Rücken.

Zischend brandet die brausende Flut; schon sind sie gelandet,

ihre Augen mit Blut unterlaufen und Feuer umlodert,

ihre lechzenden Lippen umleckt von zuckenden Zungen.

Schreckensbleich fliehen aus einander wir. Doch sicheren Zieles

eiln sie Laokoon zu und zuerst seinen sündigen Söhnen,

schlingen sich beide nach Schlangenart um die schmächtigen Körper,

beißen mit einem Biss ihnen ab die ärmlichen Glieder;

drauf ihn selbst, der helfend sich naht mit dem Schwert in den Händen,

fassen sie schnell und fesseln ihn ganz in gewaltiger Windung;

zweimal mitten herum und zweimal den Hals sie umschlingen

mit ihren schuppigen Schwänzen und hoch erhobenen Häuptern.

Jener zugleich mit den Händen versucht, die Umknotung zu lösen -

schon ist das Stirnband durchtränkt von Geifer und schwärzlichem Gifte -

und erhebt einen schrecklichen Schrei hinauf zu den Sternen;

gleiches Gebrüll ertönt, als nun der verwundete Bulle

dem Altar entflieht und den Nacken verfehlendem Schwerte.

Doch das Schlangenpaar schleicht sich hinauf zu den heiligen Höhen,

will auf der Flucht den Tempel der wütenden Pallas erreichen,

hält sich zu Füßen der Göttin versteckt in des Schutzschilds Rundung.


nach J. H. Voß zitiert bei Lessing "Laokoon oder über die Grenzen" übersetzt von Dr. Christoph Ottow, Societas Latina Andreana, 16. März 2002