Latina Andreana I

Horatius Sermo I 1

Zum lateinischen Text

  1. Wie kommt's, Mäcenas, dass niemand mit seinem Geschicke –
  2. sei's aus eignem Entschluss, sei's zu ihm aus Zufall gestoßen –
  3. friedlich zu leben vermag, sondern preist der andern Berufe?
  4. «Glückliche Händler, ihr!» so ruft der ergraute Milite,
  5. der sich nach mühsamem Kampf mit gebrochenen Gliedern dahinschleppt.
  6. Anders der Händler spricht, dessen Schiff vom Südwind getrieben:
  7. «Kriegesdienst hat es gut! Warum? Weil im kurzem Gefechte
  8. entweder schneller Tod oder freudiger Sieg sich ereignet.»
  9. Ackerbau lobt der Jurist und gesetzeserfahrene Anwalt,
  10. wenn beim Hahnenschrei die Klienten ans Haustor schon klopfen.
  11. Jener, um Bürgen zu stell'n vom Land in die Stadt beordert,
  12. einzig als glücklich beseufzt die Lebenskünstler der Städte.
  13. Weiteres dieser Art mag selbst dem berüchtigten Schwätzer
  14. Fabius werden zu viel. Für dich sag ich ohne Zögern,
  15. wo ich hinaus drauf will: Wenn ein Gott nun sagte: «Wohlan denn,
  16. schon ist gemacht, was gewollt: Du einstiger Krieger wirst Kaufmann!
  17. Du, der Rechtsrat erteilt, machst nun einmal was Rustikales!
  18. Ihr gehet hin, ihr andern kommt her durch Tausch eurer Rollen!»
  19. Und was passieret? Nichts, wenn selbst ihr Glück sie erwählten.
  20. Wäre dies nicht ein Grund, dass Jupiter darauf in Rage
  21. mit einem dicken Hals verkündet, er werde in Zukunft
  22. nicht mehr so gnädig sein, Gebeten Gehör noch zu schenken?
  23. Was aber hilft‘s,ein großes Gewicht von Gold oder Silber
  24. in ein verborgen und bange gegrabenes Erdioch zu senken?
  25. Wenn du‘s verbrauchst, so kannst du es schnell als wertlos dir denken.
  26. Wenn‘s aber nicht geschieht, was hat dann ein Geldhaufen Schönes?
  27. Mag deine Tenne auch hundert mal tausende Dreschtonnen fassen,
  28. nicht wird dann je dein Bauch noch mehr als der meinige fassen.
  29. Oder wenn mühsam als Sklave du schlepptest den Brotkorb von hinnen,
  30. nichts hätt‘st du mehr als jener, der in ihm trägt gar nichtj darinnen.
  31. Sag, was dem Landvolk das Pflügen von Ar oder Hektar bedeutet?
  32. Ist es nur schöner wenn etwas aus größerem Topf man erbeutet?
  33. Wenn du uns lässt aus dem kleineren Topf genauso zu schöpfen,
  34. warum erfreust du mit deinen dich mehr als mit unseren Töpfen?
  35. Und wenn dich könnte ein Kelch oder Krug nicht besser bedienen
  36. und du dann lieber am Fluss als an winziger Quelle erschienen,
  37. kann es gescheh‘n, dass jene, die nur auf die Vorräte schielen,
  38. mit einen Ufern der reißende Aufidus abwärts wird spulen.
  39. Aber wer soviel nur schöpft, wie zum Leben er würde bestellen,
  40. schpft mit dem Wasser nicht Schlamm und sein Leben nicht lässt in den Wellen?
  41. Aber ein Großteil der Menschen. erklärt in falscher Begierde:
  42. «Nichts ist genug, denn allein was du hast gereicht dir zur Zierde!»
  43. Lass wie gewollt sie im Elend verharren wie angeblich jenen,
  44. den sein Geiz die neidischen Stimmen des Volks ließ verhöhnen:
  45. «Mag mir das Volk auch grollen, ich selbst jedoch nicht mich verachte,
  46. wenn ich zuhause mein Geld in den Schränken und Truhen betrachte.»
  47. Tantalus lechzende Lippen veridh die fliehenden Fluten!
  48. Wenn du auch lachst: Das gleiche Gerücht kann von dir man vermuten.
  49. Wer auf den Geldsäcken schläft ist dennoch ständig gehalten,
  50. seine Schätze zu schonen und bildergerecht zu vera1ten
  51. Weißt du nicht, welch einen Wert ein Taler hat, welch einen Nutzen?
  52. Brot kann man kaufen und Kohl, ein Viertelchen Wein vielleicht; aber
  53. Wozu bedarf das menschliche Wohl noch Abrakadaber
  54. Warum sich sichern mit Ärger und Angst in Nächten und Tagen
  55. Oder sich fürchten vor Räubern und Bränden und anderen Plagen,
  56. Diener, die dir bei der Flucht noch all deine Habe vernichten?
  57. Bei solchen Gütern bin arm ich und immer bereit zu verzichten:
  58. Aber wenn Schüttelfrost den erkrankten Körper geschunden
  59. Oder ein anderes Leid im Bette dich hält gebunden,
  60. sitzt dort wer, der dich pflegt und rufet den Arzt, den bekannten,
  61. dass er dich rette und gibi zurück den teuren Verwandten?
  62. Keine Gemahlin Gesundheit dir wünscht und auch keine Kinder
  63. Nachbarn hassen dich all, die Jungen und Mädchen nicht minder.
  64. Wundert es dich, dem alles vom Geld bisher war durchdrungen,
  65. keiner dir Liebe schenkt, die niemals du hast dir errungen?
  66. Wenn Verwandte man denkt, die ohne sich selbst zu entfalten
  67. Uns die Natur geschenkt, zu bewahren sich und zu erhalten,
  68. ist das verlorene Mühe, als wollte ein Esel parieren
  69. und. am Paradeplatz die rechte Passage trainieren.

Übersetzung © Dr. Christoph Ottow, Kalenberger Graben 3, 31134 Hildesheim , 2009-03-08