Latina Andreana I

Horatius Ep. XVI.

[la] Zum lateinischen Text

  1. Schon die zweite Generation bekiegt sich zu Hause
  2.    und mit eigener Hand Rom stößt zu Tode sich.
  3. Was die benachbarten Marser vermochten nicht zu zermalmen
  4.    und Porsennas Fanal tuskischer Scharen nicht,
  5. nicht der Rivalin Capuas Kraft, nicht Spartakus‘ Wüten
  6.    noch der — vom Umsturz beseelt — treulose Gallier,
  7. nicht dominierte der stahlblaue Blick germanischer Jugend,
  8.    noch der für jeden Ahn teuflische Hannibal:
  9. Das vergeudet ein gottlos Geschlecht geschändeten Blutes,
  10.    und von wildem Getier wieder besetzt wird das Land.
  11. Weh! Die Barbaren siegreichen Fußes betreten die Trümmer,
  12.    von ihrer Pferde Huf bebend erhallt die Stadt
  13. und das vor Sonne und Wind verwahrte Gebein des Quirinus
  14.    — schändlich ist es zu seh'n! — streuen sie achtlos umher.
  15. Allgemein fragt Ihr vielleicht oder die mit dem bessren Gewissen
  16.    was uns befreien kann aus diesem Bürgerkrieg?
  17. Da gäb es keinen patenteren Rat als den der Phokaier,
  18.    deren unselig Volk auf und davon sich gemacht,
  19. Felder und Vaterhaus hinter sich ließ und die Heiligtümer
  20.    Schwarzwild und reißendem Wolf als deren Heimstatt zurück,
  21. um zu ziehen, wohin über Land und wohin durch die Wogen
  22.    trieb sie der südliche Wind ostwärts und westwärts davon.
  23. Stimmt Ihr dafür? Oder hat jemand etwas Bessres zu raten?
  24.    Günstiger Vogelflug! Was hält vom Boot uns zurück?
  25. Lasst uns zuvor noch schwören: „Verflucht, wer zurück will kehren,
  26.    ehe die Steine vom Grund wieder emporgeschwemmt.
  27. Nicht zurück nach Haus soll erlaubt sein zu setzen die Segel,
  28.    ehe der Po umspült Felsen des Matinus
  29. oder ins Meer gestürzt die appeninischen Gipfel;
  30.    seltsame Liebesglut Pärchen zusammenführt
  31. dergestalt, dass sich die Tigrin lässt begatten vom Hirschen
  32.    und die Taube vermählt sich mit dem Taubenfalk,
  33. argloses Weidetier nicht fürchtet die listigen Löwen
  34.    und der haarlose Bock badet in salziger Flut.“
  35. Dem und allem was könnte die lockende Heimkehr verhindern
  36.    gilt der unselige Schwur, dann sind wir abmarschbereit
  37. mit dem gesamten Volk oder dem, der sich hebt aus der Masse;
  38.    Weichling und Pessimist drück in die Betten sich!
  39. Ihr, die ihr Männer seid, entsaget dem weibischen Weinen
  40.    und lasst segelnd zurück tuskischen Meeresstrand!
  41. Uns noch immer verbleibt der alles umfassende Ozean:
  42.    Auf zu glücklicher Au, Inseln der Seligkeit!
  43. Wo noch jährliche Ernte verheißen die fruchtbaren Felder
  44.    und ein wuchernder Wein ständig in Blüte steht,
  45. sprießt und sprosst der immergrüne Zweig der Oliven
  46.    und am eigenen Stamm farbige Feige prangt,
  47. Honigfluten verströmen die Höhlen der Ilex-Eichen
  48.    und aus hohem Gebirg plätschert ein hurtiger Quell.
  49. Dorthin kommen von selbst zum täglichen Melken die Ziegen
  50.    und ihr williger Tross schleppt seine Euter herbei,
  51. nicht mit Hungergebrumm kreist abends der Bär ums Gehege,
  52.    nicht vom Boden empor räkeln die Schlangen sich.
  53. Vieles noch werden wir glücklich bewundern, zum Beispiel dass niemals
  54.    südlicher Regenwind rast über die Felder dahin
  55. oder die saftige Saat verdorrt auf den schmachtenden Schollen,
  56.    beides hält immer im Lot göttlicher Himmmelsfürst
  57. Keine Seuchen befallen das Vieh und keinerlei Hundssterns
  58.    sengende Sonnenglut dörrt seine Herde aus.
  59. Hierher gelangte nie ein argonautischer Schiffer
  60.    und kein kolchisches Weib setzte dorthin den Fuß;
  61. Hierher verirrten sich nicht die Spitzen phönizischer Segel
  62.    und allen Mühen zum Trotz nicht des Odysseus Crew.
  63. Juppiter hielt das Gestade zurück einem hehren Geschlechte,
  64.    als er die goldene Zeit einst verhüllte mit Erz —
  65. Erz, das in Folge Jahrhunderte stahlte, zu Eisen geronnen,
  66.    dem zu entkommen ich nur Edelmännern verheiß.

Übersetzung © Dr. Christoph Ottow, Kalenberger Graben 3, 31134 Hildesheim , 2009